Sarkos Sohn «meuchelt» den Kronprinzen
Aktualisiert

Sarkos Sohn «meuchelt» den Kronprinzen

«Psychodrama in Sarkoland» titelt die Zeitung «Métro». «Mord am helllichten Tage», heisst es in «Libération». Das Opfer: Ein designierter Kronprinz von Präsident Nicolas Sarkozy. Der Täter: Sarkozys eigener Sohn Jean.

Mit einer Mischung aus Faszination und Entsetzen erlebt Frankreich gerade ein politisches Possenstück, dass eher einem Operettenstaat würdig wäre. Der Ruf von Sarkozy nimmt weiter Schaden.

Was ist geschehen? Vor drei Monaten hob Sarkozy, damals noch vor Selbstbewusstsein strotzender und von Erfolg verwöhnter Präsident, seinen Sprecher David Martinon auf den Schild für die Kommunalwahl im März. Gegen den Protest seiner Regierungspartei UMP bestimmte Sarkozy Martinon zum Bürgermeisterkandidaten für den reichen Pariser Vorort Neuilly. Der Ort ist ein Symbol für Sarkozys Erfolg: Als 28-Jähriger eroberte er dort selbst das Bürgermeisteramt und wurde zuletzt 2002 mit mehr als 70 Prozent wiedergewählt.

Doch der designierte Kronprinz stellte sich höchst ungeschickt an: Ein unabhängiger Kandidat der Rechten drohte den 36-jährigen Martinon, ein Fremdkörper in Neuilly, bei der Wahl in knapp vier Wochen zu schlagen. Dies wäre für Sarkozy wie eine persönliche Niederlage.

Kaum wurde eine entsprechende Umfrage bekannt, wurden die Messer also gewetzt. Am Sonntag entzogen Jean Sarkozy, 21 Jahre alt, und zwei weitere wichtige Unterstützer nach kurzer Besprechung in einem Café dem Kandidaten ihr Vertrauen und stellten eine eigene Liste auf. Am Montag zog Martinon die Konsequenz und legte seine Bewerbung nieder. Mit versteinerter Miene, sichtlich erschüttert vom Verrat «im Namen des Vaters, Amen», wie «Libération» ätzte.

Dallas in Neuilly

Die Episode wäre der Rede kaum wert, wäre sie nicht ein neues Possenstück in der noch jungen Ära Sarkozy. Kaum von Cécilia geschieden, zeigte sich der Staatschef mit Carla Bruni wie ein gallischer Gockel, statt schwellendem Kamm eine verspiegelte Ray Ban auf der Nase. Wichtigste Botschaft seiner Jahrespressekonferenz: «Es ist uns ernst.» Doch die eilige Hochzeit vor einer Woche konnte seinen Ruf als «Präsident Bling-Bling» bislang nicht reparieren. Im Gegenteil: Die ganze Nation lachte sich über eine angebliche SMS des Staatsoberhauptes an seine Ex ins Fäustchen. «Komm zurück, dann sag ich alles ab», soll er vor der Trauung gefunkt haben. Dass Sarkozy wegen der Meldung Strafanzeige gegen «Nouvelobs.com» erstattete, bescherte der Geschichte umso mehr Aufmerksamkeit.

Auch politisch hat Sarkozy die Fortune völlig verlassen. Derzeit haut ihm die eigene Partei einen Kommissionsbericht über unbequeme Wirtschaftsreformen um die Ohren, die Fraktion fühlt sich zu Recht hintergangen. Im Umfragetief vor der Kommunalwahl zog Sarkozy sofort zurück und liess die vollmundig angekündigten Reformmassnahmen in der Schublade verschwinden. Der Mann, der den «Bruch» mit der von Stillstand geprägten Ära Jacques Chiracs versprach, scheint sich in neun Amtsmonaten in einen ungeschickten Opportunisten verwandelt zu haben.

Dass Martinon, den Sarkozy jetzt fallen liess, ein Protégé seiner Ex-Frau Cécilia war, steigert den operettenhaften Charakter der Affäre. In der französischen Presse wird Neuilly schon mit Dallas verglichen. Am Montag blieb zunächst unklar, wer nun an Stelle Martinons um das Rathaus kämpfen soll.

Sohn als Bürgermeister?

Gute Chancen auf die Kandidatur wurden Jean Sarkozy eingeräumt. Was Kaltschnäuzigkeit und politischen Ehrgeiz anbelangt, steht der 21-jährige seinem Vater in nichts nach, in Neuilly ist der Jungspund mit dem langen Haarschopf beliebt und bekannt wie ein bunter Hund. Der eigene Sohn als Nachfolger im Bürgermeisteramt? In seiner Jahrespressekonferenz hatte Sarkozy den Vorwurf, er benehme sich wie ein Monarch, noch mit einem Lächeln abgetan.

Am Sonntagabend hatte sich der Präsident mit einer plötzlich anberaumten Fernsehansprache zum EU-Reformvertrag an seine Landsleute gewandt. In Paris war die Interpretation am Montag einhellig: Ein Manöver, um vom Debakel in Neuilly abzulenken und Seriosität zu demonstrieren. Am Montag verliess der Präsident den Hexenkessel und flog zu einem Besuch nach Französisch-Guyana. Seinen Sprecher David Martinon liess er vorsichtshalber zu Hause. (dapd)

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