Keine Kinder von Traurigkeit: Saufen und Raufen trotz Krankheit
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Keine Kinder von TraurigkeitSaufen und Raufen trotz Krankheit

Chronisch kranke und behinderte Jugendliche sind keine Kinder von Traurigkeit. Im Gegenteil: Sie rauchen, kiffen und prügeln sogar häufiger als Gesunde. Über die Gründe sind sich die Verfasser einer entsprechenden Studie im Unklaren.

Forscher um Joan-Carles Surís befragten für ein Studie des Universitätsspitals Lausanne insgesamt über 7500 Jugendliche im Alter von 16 bis 20 Jahren aus der ganzen Schweiz. 760 davon waren laut eigenen Angaben behindert oder chronisch krank. Die im Fachmagazin «Pediatrics» publizierte Studie widerlegt den Ruf dieser Jugendlichen, sie seien zurückhaltend und schüchtern.

Im Vergleich zu Gesunden machten die Kranken nämlich häufiger Dinge, die sie selbst oder andere gefährdeten: Über 43 Prozent gaben zum Beispiel an, täglich zu rauchen, und 40 Prozent hatten im letzten Monat mindestens einmal gekifft. Bei den Gesunden betrug der Raucheranteil 37 Prozent, jener der Kiffer 34 Prozent.

Raub, Einbruch, Brandstiftung

Die kranken und behinderten Jugendlichen sind auch gewalttätiger. Mehr als jeder Fünfte hatte im Jahr vor der Befragung mindestens einmal einen Erwachsenen angegriffen, einen Raub begangen, bei einem Kampf eine Waffe benutzt oder ähnliche Taten verübt. Von den Gesunden liessen sich knapp 16 Prozent solche Gewalttaten zu Schulden kommen.

Dasselbe Bild bei Vergehen wie Vandalismus, Einbruch, Diebstahl oder Brandstiftung: Während über 35 Prozent der Behinderten und Kranken von solchem Verhalten berichten, sind es bei den Gesunden nur 28 Prozent. Auch der Anteil jener, die mehrere gefährdende und rechtswidrige Verhaltensweisen zugleich nennen, ist bei den Kranken deutlich grösser.

Kampf um Anerkennung

Über die Gründe dieser Ergebnisse kann die Studie keine gesicherten Aussagen machen: Die Forscher können zum Beispiel nicht ausschliessen, dass die behinderten und kranken Jugendlichen bei der Umfrage übertrieben haben, oder dass das gefährdende Verhalten gar zur chronischen Krankheit oder zur Behinderung führte.

Für Joan-Carles Surís sind jedoch andere Erklärungen plausibler: Kranke oder behinderte Jugendliche liefen wohl eher Gefahr, aus Gruppen Gleichaltriger ausgeschlossen zu werden, sagte er auf Anfrage. Mit Regelüberschreitungen versuchten sie, sich beliebt zu machen. Oder sie wollten einfach ihre Normalität beweisen.

Doppelte Gefahr

Wie die Forscher in dem Artikel schreiben, sind das Ausprobieren von Drogen und das Überschreiten von Grenzen zwar Teil der Entwicklung von Jugendlichen. Doch einerseits sind gerade die Zahlen für Gewalttaten und Vergehen hoch. Und andererseits bergen die Ausschweifungen gerade für chronisch Kranke zusätzliche Gefahren.

Betrunkene Menschen zum Beispiel verunfallten häufiger, sagte Surís. Wenn ein chronisch Kranker Medikamente einnehme, könne der Alkohol aber noch verstärkt schaden. Oder bei Asthmatikern kann rauchen dazu führen, dass Medikamente die Krankheit weniger gut unter Kontrolle halten.

Für Surís zeigt die Studie, dass kranke und behinderte Jugendliche gleich ticken wie gesunde: Präventionsfachleute müssten sich auch um sie kümmern, sagte er. «Ein Arzt darf nicht denken, ein junger Asthmatiker werde sowieso nicht auf die Idee kommen zu rauchen. Viele Jugendliche mit Asthma rauchen.»

(sda)

Jugendliche mit Piercings nehmen mehr Risiken in Kauf

Auch Piercings geben einen Hinweis darauf, dass ein Jugendlicher häufiger Dinge macht, die seiner Gesundheit schaden. Gepiercte rauchen und trinken mehr als Ungepiercte. Und sie sind lebensmüder.

Die Forscher um Joan-Carles Surís befragten 7500 Jugendliche aus der gesamten Schweiz. Jeder Fünfte gab an, ein Piercing zu haben. Vor allem bei jungen Frauen ist der Körperschmuck beliebt: Jede dritte ist gepierct, während es bei den Männern nur 7 Prozent sind.

Gepiercte Jugendliche verhielten sich laut der letztes Jahr im Fachmagazin «Journal of Family Practice» publizierten Studie risikofreudiger: Sie rauchten und kifften häufiger, konsumierten illegale Drogen und berichteten über Vergiftungen. Zudem dachten sie eher an Selbstmord und hatten eher einen Selbstmordversuch gemacht.

Die Autoren schliessen aus den Zahlen, dass Piercings ein Hinweis sind auf riskantes Verhalten bei Jugendlichen. Jugendliche mit Piercings sollten zwar nicht stigmatisiert werden, empfehlen sie. Aber Ärzte könnten das Thema Körperpiercing als Ausgangspunkt nehmen, um mit den Jugendlichen über gefährliche Verhaltensweisen zu diskutieren.

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