Neuer Superzug: SBB-Grossauftrag schafft 400 neue Arbeitsplätze
Aktualisiert

Neuer SuperzugSBB-Grossauftrag schafft 400 neue Arbeitsplätze

Die SBB-Milliardenvergabe wirkt nach: Bombardier freut sich, Siemens leckt die Wunden und Stadler Rail verlor an einem Tag gleich zwei Grossaufträge.

von
Ronny Nicolussi
Enttäuscht über die SBB-Vergabe: Stadler-Rail-Arbeiter in Bussnang (TG)

Enttäuscht über die SBB-Vergabe: Stadler-Rail-Arbeiter in Bussnang (TG)

Die Enttäuschung bei Stadler Rail und Siemens war gross, als die SBB am vergangenen Mittwoch die Katze aus dem Sack liessen. Als der grösste Auftrag in der Geschichte der SBB an den kanadischen Hersteller Bombardier vergeben wurde, gingen sie nicht nur leer aus, sondern hatten auch Planungsinvestitionen in Millionenhöhe in den Sand gesetzt.

Für den Thurgauer Hersteller Stadler blieb es nicht die einzige Hiobsbotschaft: Am selben Tag hatten die Basler Verkehrs-Betriebe (BVB) entschieden, ihre Tram-Beschaffung neu auszuschreiben. Geplant wäre ursprünglich gewesen, zusammen mit der Baselbieter BLT Tango-Trams von Stadler zu beschaffen. Begründet wurde der Entschied mit einer repräsentativen Studie unter Basler Fahrgästen, bei der das Combino-Tram von Siemens besser ankam als das Tango-Tram. Nicht berücksichtigt wurde eine Zürcher Studie, bei der Fahrgäste zwischen den beiden Trams keine Unterschiede festgestellt hatten. Der 12. Mai dürfte deshalb bei Stadler als tiefschwarzer Mittwoch in die Bücher eingehen.

Aber nicht nur am Stadler-Hauptsitz in Bussnang ist man von den negativen Entscheiden enttäuscht. Der Thurgauer Regierungspräsident Claudius Graf-Schelling sagt in der «Thurgauer Zeitung» in Bezug zum SBB-Grossauftrag: «Wir haben den Entscheid mit grossem Bedauern zur Kenntnis genommen.» Zwar sei Stadler Rail für die nächsten beiden Jahre voll ausgelastet, ab 2013 werde die Lage aber nicht ganz einfach werden.

Vergabe an Kanadier schafft Stellen in der Schweiz

Jubelstimmung löst die SBB-Vergabe an Bombardier hingegen im Kanton Waadt aus. Neben der schnelleren Anbindung von Lausanne an Bern, die durch die neuen Züge möglich werden soll, erfreut die Waadtländer die angekündigte Schaffung rund 400 neuer Arbeitsplätze in der Region Villeneuve. Dort unterhält der kanadische Weltkonzern eine Fabrik, die nun für 15 bis 20 Millionen Franken ausgebaut werden soll. Der Waadtländer Wirtschaftsdirektor Jean-Claude Mermoud sagt in der Zeitung «24 heures»: «Die Waadtländer profitieren von neuen Arbeitsplätzen, die Romands von einer kürzeren Fahrzeit nach Bern und sämtliche Schweizer von einer schweizweiten Verbesserung der Verbindungen.

Von einer «Supernachricht» spricht der Gemeindepräsident von Villeneuve, Daniel Flückiger, nach dem SBB-Entscheid. Dieser garantiere nicht nur den Verbleib des Bombardier-Werks in Villeneuve, das zuletzt zum Teil Kurzarbeit einführen musste, sondern auch einen Aufschwung für die gesamte Wirtschaft der Region. Bombardier beschäftigt derzeit rund 220 Angestellte in Villeneuve.

Der kanadische Konzern kündigte an, die 59 neuen Doppelstockzüge in Villeneuve und im deutschen Görlitz produzieren zu wollen. Der Konzern mit 950 Angestellten in der Schweiz stellt eine hiesige Wertschöpfung von 60 Prozent in Aussicht. Dass entspricht bei einem Gesamtvolumen von rund 1,9 Milliarden Franken in etwa 1,14 Milliarden. Der deutsche Konkurrent Siemens – der in der Schweiz rund 750 Angestellte im Bahnsegment beschäftigt – hatte nur rund 40 Prozent versprochen. Die Deutschen wollen in den kommenden Wochen mit den SBB das Gespräch suchen, um in Zukunft Grossaufträge «anders aufzugleisen», wie Mediensprecher Benno Estermann sagt.

Konkurrenten halten sich bedeckt

Wie das Siemens-Projekt im Detail ausgesehen hätte, will Estermann hingegen nicht sagen. Lediglich bei der Wankkompensation verrät er: «Wir hatten ein eigenes System präsentiert. Dieses wäre einfach im Einsatz, einfach nachzurüsten und ohne jegliches Risiko im Betrieb gewesen.» Laut Estermann wollte Siemens nur mit erprobten Komponenten arbeiten und «im Gegensatz zum Siegerprojekt auf Sensoren und heikle Sachen» verzichten. Wie viele neue Arbeitsplätze in der Schweiz ein Auftrag an Siemens geschaffen hätte, sagt Estermann nicht.

Gleich tönt es auch aus Bussnang: Stadler Rail hält sich bedeckt, wie viele zusätzliche Arbeitsplätze der SBB-Grossauftrag generiert hätte. In diesem Jahr will das Unternehmen von SVP-Nationalrat Peter Spuhler die Marke von 3000 Angestellten erreichen – auch ohne SBB-Grossauftrag. Zum eingereichten Projekt will sich Mediensprecherin Vincenza Trivigno nicht äussern. Sie hält lediglich fest, dass die Wertschöpfung in der Schweiz rund 80 Prozent ausgemacht hätte. Dies habe bei der Vergabe aus gesetzlichen Gründen jedoch keine Rolle gespielt, wie SBB-Chef Andreas Meyer am Mittwoch betont hatte.

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