Sitzplatz-Infos: «SBB hinkt anderen Bahnen 10 Jahre hinterher»
Aktualisiert

Sitzplatz-Infos«SBB hinkt anderen Bahnen 10 Jahre hinterher»

Während die niederländische Bahn in einem Pilotprojekt freie Sitzplätze auf einer Handy-App und auf Bildschirmen anzeigt, malt die SBB im Laufental Sektortafeln auf die Perrons.

von
Hannes von Wyl

Das Pilotprojekt der SBB im Laufental sorgte schweizweit für Aufsehen. Mit Markierungen auf den Perrons und neuen Sektortafeln soll die Haltegenauigkeit der Züge verbessert und der Fahrgastwechsel beschleunigt werden. Unter Lokführern sind die Massnahmen jedoch höchst umstritten.

Freie Plätze in Echtzeit

Nun zeigt ein im Juli abgeschlossener Versuch der niederländischen Bahn NS, wies besser geht. Auf der Strecke Roosendal - Zwolle massen dabei Sensoren die Auslastung einzelner Zugkompositionen und sendeten die Daten in Echtzeit an eine Smartphone-App. Darauf war für die Passagiere ersichtlich, in welchen Abteilen noch freie Sitzplätze vorhanden sind.

Diese Informationen wurden zusätzlich an ausgewählten Bahnhöfen auf Leuchtbändern angezeigt, berichtet die Tageswoche am Freitag. So wussten die Bahnkunden nicht nur, welche Waggons am wenigsten belegt waren, sondern auch auf den Meter genau, wo sie am besten einsteigen.

«Bei der SBB besteht enormes Nachholpotenzial»

«Die SBB hinkt anderen europäischen Bahnbetreibern 10 Jahre hinterher», sagt Bahnexperte und langjähriger SBB-Mitarbeiter Hans G. Wägli. «Da besteht enormes Nachholpotenzial.» Die Fahrgastleitung, die heute vorwiegend über Tafeln und Lautsprecherdurchsagen funktioniert, sei mangelhaft. «Die Ansagen sind viel zu langfädig und teilweise völlig nutzlos», sagt Wägli.

Das SBB-Experiment im Laufental sei im Vergleich mit den niederländischen Anstrengungen lächerlich, so der Bahnexperte. «Striche und Pfeile am Boden, das haben schon die Indianer erfunden.»

Auch bei der Abdeckung mit Wlan in Intercity-Zügen steht die SBB im europäischen Vergleich schlecht da, wie eine Übersicht von Focus Online zeigt. Demnach bieten Österreich und Italien in vielen Schnellzügen gratis drahtloses Internet an. Auch in den Intercity-Zügen in Holland lässt es sich kostenlos surfen. Bei der SBB dagegen ist Internet nur in der ersten Klasse verfügbar - für fünf Franken pro halbe Stunde.

In der Schweiz nicht umsetzbar

Das niederländische Projekt sei «grundsätzlich sehr interessant», sagt SBB-Sprecher Christian Ginsig. So besuchte denn auch eine Delegation von Bähnlern die Pilot-Strecke in Holland, für die von Februar bis Juli rund 800 Fahrgästen Informationen über die Sitzplatzbelegung in Echtzeit angezeigt wurden. Für ein Fazit sei es noch zu früh, so Ginsig. Die SBB verfolge aber, welche Erfahrungen die NS mit diesem System mache.

In der Schweiz seien solche Passagierleitsysteme aber momentan nicht umsetzbar. «Es müssten diverse Schnittstellen entwickelt und programmiert werden. Hinzu kämen Investitionen in Hardware wie Displayanzeigen», sagt Sprecher Ginsig. Die neusten SBB-Doppelstockzüge seien aber mit den erforderlichen Sensoren zur Messung der Passagierbelegung ausgerüstet.

Mindestens bis August 2014 konzentriert sich die SBB aber auf die Prototyp-Bahnhöfe im Laufental. Dann werde der Pilotversuch evaluiert und über das weitere Vorgehen entschieden. Auch an der Wlan-Abdeckung in SBB-Zügen wird sich vorerst nichts ändern. Freie Sitzplätze via App und Gratissurfen im Zug liegen also noch in weiter Ferne.

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