Unzufriedenes Personal: SBB-Mitarbeitende beklagen sich vor Reisenden über Stress und Vorgesetzte
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Unzufriedenes PersonalSBB-Mitarbeitende beklagen sich vor Reisenden über Stress und Vorgesetzte

Mitten in Intercityzügen kritisierten Angestellte der SBB ihre Arbeitsbedingungen. Reisende sind verdutzt.

von
Bettina Zanni
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Pendler bekamen im Intercity mit, wie SBB-Angestellte über ihre Arbeitssituation klagten.

Pendler bekamen im Intercity mit, wie SBB-Angestellte über ihre Arbeitssituation klagten.

20min/Taddeo Cerletti
«Öfters im Zug ist es dasselbe: Ich höre eine Gruppe, die sich lauthals und während der Fahrt über ihre Arbeitssituation beklagt», sagt Pendler V. T. 

«Öfters im Zug ist es dasselbe: Ich höre eine Gruppe, die sich lauthals und während der Fahrt über ihre Arbeitssituation beklagt», sagt Pendler V. T. 

URS JAUDAS
«Es erstaunt mich jedes Mal wieder, dass Angestellte vor den Augen der Kunden schlecht über ihren Arbeitgeber reden», so V. T.

«Es erstaunt mich jedes Mal wieder, dass Angestellte vor den Augen der Kunden schlecht über ihren Arbeitgeber reden», so V. T.

Urs Jaudas

Darum gehts

Auf seinem Arbeitsweg im Intercityzug bekommt V. T.* regelmässig mit, wie sich Mitreisende über ihre Arbeitssituation beschweren: Stress, schwierige Vorgesetzte und unzumutbare Schichten. «Öfters im Zug ist es dasselbe: Ich höre eine Gruppe, die sich lauthals und während der Fahrt über ihre Arbeitssituation beklagt», sagt der Pendler.

Bei genauerem Hinsehen merkte er, dass es sich um SBB-Mitarbeitende handelte, die gerade nicht am Arbeiten waren, sondern in einer Gruppe zusammen Zug fuhren. Sie hätten einen SBB-Badge oder SBB-Insignien getragen. «Es erstaunt mich jedes Mal wieder, dass Angestellte vor den Augen der Kunden schlecht über ihren Arbeitgeber reden», so T.

Zeuge ähnlicher Klagen wurde am Samstag ein weiterer Reisender in einem Intercityzug. «Ein Kondukteur beklagte sich bei einem Passagier, den er von der Arbeit zu kennen schien, dass er eine lange Schicht habe und am nächsten Tag um fünf Uhr in der früh wieder arbeiten müsse», sagt der Mann gegenüber 20 Minuten. Er habe sich gefragt, ob es bei der SBB an Personal mangle.

«Unterbesetzungen sind eine Realität»

Die Gewerkschaft des Verkehrspersonals (SEV) bestätigt auf Anfrage Spannungen beim SBB-Personal. Es sei völlig klar, dass in einem so grossen Unternehmen wie der SBB die Stimmung an verschiedenen Arbeitsplätzen angespannt sein könne, sagt SEV-Mediensprecher Vivian Bologna. «Insbesondere das Thema Arbeitszeiten führt zu Spannungen, nicht zuletzt, weil Unterbesetzungen eine Realität sind, die sich auch auf das Personal auswirkt.»

Die Sparprogramme hatten laut Bologna zur Folge, dass nicht genügend Personal ausgebildet werden konnte. «Die Mitarbeitenden sind auch erschöpft nach zwei Jahren Pandemie, in denen sie den Service Public garantiert haben.»

Die SBB distanziert sich auf Anfrage von den Vorfällen. «Falls das tatsächlich passiert ist, bedauert die SBB, dass unbeteiligte Dritte Zeugen persönlicher Gespräche wurden. Das war kaum beabsichtigt», sagt Mediensprecher Daniele Pallecchi. Sollte sich dies wirklich zugetragen haben, gehe die SBB davon aus, dass es sich um ein Post-Covid-Phänomen handle. «Denn vor allem unser Zugpersonal hat sehr anstrengende Zeiten hinter sich.» Gleichzeitig verweist Pallecchi auf die SBB-Personalbefragung 2021. Dieser zufolge erzielten in der Personalumfrage 2021 fast alle Bereiche höhere Werte als im Vorjahr.

«Das ist schlechter Stil»

Der Verband Angestellte Schweiz beurteilt das Verhalten der SBB-Angestellten im Zug als besonders brisant. «Weil diese Angestellten ihre Kritik ja quasi im Unternehmen vor deren zahlenden Kundinnen und Kunden ausbreiten. Aus Sicht der Bahnreisenden kann es verstörend wirken und das Reiseerlebnis trüben», sagt Mediensprecher Hansjörg Schmid.

Generell sei es ein «No Go», wenn Mitarbeitende in der Öffentlichkeit schlecht über ihren Arbeitgeber sprächen, so Schmid. «Das ist, unabhängig wer der Arbeitgeber ist, schlechter Stil.» Andererseits seien die Arbeitgebenden gut beraten, sich gegenüber den Angestellten so zu verhalten, dass solche Frustreaktionen gar nicht erst entstünden.

Laut Schmid deutet von aussen betrachtet einiges darauf hin, dass die SBB, wie viele andere Betriebe auch, mit einem Mangel an Fachkräften zu kämpfen haben. «Trotz dieser Situation ist es wichtig, dass sich die SBB bei ihren Mitarbeitenden um eine gute Work-Domain-Balance kümmert.» Arbeitspsychologe Andi Zemp hält es für wichtig, die Mitarbeitenden anzuhören und mit ihnen die Situation zu verbessern (siehe Box unten).

*Name der Redaktion bekannt.

«Man wird unvorsichtig»

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