Zuschlagssystem: SBB: Nur schwarzfahren ist billiger
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ZuschlagssystemSBB: Nur schwarzfahren ist billiger

Die Busse für ein falsches Ticket ist höher als für gar keins. Und wer 1. statt 2. Klasse schwarzfährt, zahlt gleich viel: Das Bussensystem der SBB begünstigt dreiste Schwarzfahrer. Jetzt fordert das Bundesamt für Verkehr mehr Bussengerechtigkeit.

Der Fall lässt aufhorchen. Ein einzelner Zugreisender wehrt sich gegen die SBB und klagt gegen deren Zuschlagspraxis (20 Minuten Online berichtete). «Ich will nicht für etwas gebüsst werden, das ich nicht getan habe», sagt der 42-Jähriger Kläger im «Blick». Konkret:

Der 42-Jährige Tamile besass eine Fahrkarte Schaffhausen-Baden, Hin- und Rückfahrt, zum Halbtax-Tarif. Kostenpunkt: 26 Franken. Durch den Klassenwechsel wäre eine Busse von 80 Franken hinzugekommen. Die gesamte Reise hätte ihn also 106 Franken gekostet. Die Kosten für das Halbtax nicht eingerechnet.

26 Franken billiger wäre er gefahren, hätte er gar kein Ticket gelöst: Statt Ticket und Busse hätte er dann nämlich nur die Busse von 80 Franken berappen müssen. Denn im Regionalverkehr wird bei den SBB aus Praktikabilitätsgründen nur der «Zuschlag für Fahren ohne gültigen Ausweis» erhoben - nicht aber der Fahrpreis. Dieses Bussensystem führt zur Besserstellung dreister Schwarzfahrer, wie die nachfolgenden Beispiele zeigen.

Beispiele des Bussensystems der SBB

Reiseroute: Zürich-Schaffhausen; 2. Klasse. Ticketpreis: 18.20 Franken.

Einnahmeausfall für die SBB beim Schwarzfahren: 18.20 Franken. Busse: 80 Franken. Fährt man dieselbe Route 1. Klasse, kostet es 30.20 Franken. Einnahmeausfall für die SBB beim Schwarzfahren: 30.20 Franken. Die Busse bleibt aber gleich - 80 Franken. Wer also so dreist ist und sich beim Schwarzfahren in die 1. Klasse setzt, bezahlt keinen Rappen mehr Busse.

Nimmt der Reisende einen Nachtzug auf derselben Route, bezahlt er dieselben Ticketpreise plus 5 Franken Nachtzuschlag. Vergisst er den, entgehen den SBB 5 Franken. Der Reisende wird aber mit 80 Franken gebüsst. Löst er gar kein Ticket, also weder das reguläre noch den Zuschlag, bezahlt er ebenso 80 Franken Busse.

Weniger Schaden, aber höhere Strafe

Beim «versehentlichen» Klassenwechsel, nicht bezahlen des Nachtzuschlages oder einem Ticket für die falsche Route prellt man die SBB also um weniger Geld, bezahlt aber mehr, als wenn man gar kein Ticket hätte. Genau dies kritisiert das BAV und fordert eine Änderung der Praxis, wie sie in der Verfügung an die SBB schreibt. Das Zuschlagssystem müsse zugunsten eines differenzierteren Systems angepasst werden, damit alle Reisenden ohne gültigen Fahrausweis gleichgestellt sind.

SBB zieht vors Bundesverwaltungsgericht

Ein solches System widerstrebt aber der SBB: «In der Praxis ist dies nur mit einem enormen Administrationsaufwand verbunden», sagt Sprecher Roland Binz. Bereits heute deckten die Zuschläge nicht einmal den Aufwand für die Kontrollen. Deshalb wollen die SBB den BAV-Entscheid beim Bundesverwaltungsgericht anfechten.

Übrigens: Umgekehrt wäre dem Reisenden eine Busse erspart worden. Mit einem 1.-Klass-Billett ist das Sitzen beim Fussvolk absolut legal und bleibt ohne Folgen.

(amc)

SBB-«Bussenkatalog»:

Reise ohne gültigen Ausweis in der Selbstkontrolle:

1. Fall: CHF 80.-

2. Fall: CHF 120.–

jeder weitere Fall: CHF 150.–

Zuschlag bei notwendiger Nachforschung nach Personalien pro Viertelstunde: CHF 25.-

Im Fernverkehr werden zusätzlich zum Billettpreis CHF 30.– Zuschlag erhoben.

Zahlungserinnerung +CHF 40.–

Betreibung +CHF 50.-

Missbrauch +CHF 100.–

Billettfälschung +CHF 200.–

Bei Missbrauch von Fahrausweisen, Angabe falscher Personalien und Fälschung von Billetten sind hohe Gebühren zu bezahlen. Die strafrechtliche Verfolgung behalten sich die SBB vor.

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