Aktualisiert 26.10.2010 12:34

Kritik an Nachtzuschlag

SBB-Personal fühlt sich überwacht

Die Kritik des ZVV geht nicht spurlos an den Zugchefs vorbei: Sie fühlen sich von SBB und ZVV «beobachtet». Doch die wollen davon nichts wissen.

von
Amir Mustedanagic
Die Zugchefs fühlen sich bei der Arbeit beobachtet.

Die Zugchefs fühlen sich bei der Arbeit beobachtet.

Die Zugchefs bei den SBB fühlen sich bespitzelt: «Es ist wie bei der Stasi», beklagte sich ein Zugchef gegenüber 20 Minuten Online, «einerseits beschweren sich die Leute aus der ersten Klasse ständig bei den SBB über unsere Arbeit, andererseits werden wir immer von Testkunden kontrolliert», so der sichtlich ernüchterte Mann. Und er ist offenbar kein Einzelfall.

«Wir haben schon mehrere Meldungen von Bahnangestellten erhalten, welche das ungute Gefühl haben, dass sie im Moment bei ihrer Arbeit beobachtet werden», sagt Peter Moor. Gemäss dem Sprecher der Gewerkschaft des Verkehrspersonals SEV sei dies hauptsächlich die Folge des Knatschs zwischen dem Zürcher Verkehrsverbund ZVV und ihren Zugchefs (siehe Infobox), die sich auf die Stimmung des Personals auswirkt. Viele Angestellte glauben gemäss Moor, dass nach der Kritik der ZVV die verdeckten Testkunden vermehrt im Raum Zürich unterwegs sind und ihre Arbeit kontrollieren.

SBB dementieren verdeckte Kontrollen

Der ZVV will davon nichts wissen: Die Arbeit der Zugchefs werde vom Verkehrsverbund nicht kontrolliert, dafür seien die SBB zuständig. SBB-Sprecher Daniele Pallecchi versichert gegenüber 20 Minute Online, dass die Zugchefs nicht unter Beobachtung stehen – und schon gar nicht im Geheimen. «Die Arbeit unseres Zugpersonals wird nie verdeckt überprüft», so Pallecchi weiter.

Dass die SBB mit Testkunden arbeiten und diese auch die Arbeit der Zugchefs bewerteten, dementiert Pallechi allerdings nicht. Gemäss dem Sprecher setzten die SBB seit April 2009 auf 20 externe Kontrolleure, die im Auftrag der SBB die «Aufenthaltsqualität und Kundeninformation am Bahnhof und im Zug» prüfen. Die Testkunden stünden allerdings nicht vermehrt im Raum Zürich im Einsatz, wie Pallecchi sagt: «Sie betrachten auch nie die Arbeit der Zugchefs isoliert, das ist nicht Sinn und Zweck der Messungen.»

Die Gewerkschaft weiss von den Testkunden und hat mit deren Tätigkeit auch kein Problem - zumindest solange nicht die Arbeit von einzelnen Mitarbeitern aufgrund der Angaben kritisiert werde. Weil aber beim Punkt «Kundeninformationen» Kriterien einfliessen wie Freundlichkeit, Durchsagequalität oder Kompetenz, was in den Aufgabenbereich der Zugchefs fällt, bleibt bei gewissen Zugchefs das «ungute Gefühl» bestehen, wie das Beispiel von vergangener Woche zeigt. Die Begeisterung des betroffenen Zugchefs für seinen Job hat sich jedenfalls sichtlich abgekühlt: «Wäre ich nochmals jung», so der Mann zu 20 Minuten Online, «würde ich den Job nicht mehr machen».

Feedback

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Die ZVV beklagte sich vergangene Woche, dass die Zugchefs auf dem Nachtnetz der ZVV «nicht mehr ordentlich» kontrollieren würden. Die ZVV will sich inzwischen allerdings nicht mehr öffentlich zum Knatsch äussern – auch nicht zur Entschuldigung, die der SEV nach der Kritik über die Medien verlangt hatte. Die SBB haben sich in der Debatte vergangene Woche hinter ihr Personal gestellt. Im Moment werden die Unterlagen der ZVV – welche belegen sollen, dass die Zugchefs «ihren Job nicht mehr ordentlich» machen - geprüft, heisst es bei den SBB. Anschliessend soll es ein Gespräch geben – über Details möchte man sich aber auch bei den SBB nicht öffentlich äussern.

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