Tarif-Irrsinn: SBB soll Sparbillette teurer machen
Aktualisiert

Tarif-IrrsinnSBB soll Sparbillette teurer machen

Eine Fahrt von St. Gallen nach Zürich kann dank Sparbilletten billiger sein als eine von Winterthur nach Zürich. Darüber ist ein Streit entbrannt.

von
Stefan Ehrbar
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Um die Sparbillette, die die SBB im Fernverkehr anbietet, ist ein Streit entbrannt. Der Zürcher Verkehrsverbund (ZVV) will ihnen in der heutigen Form an den Kragen.

Um die Sparbillette, die die SBB im Fernverkehr anbietet, ist ein Streit entbrannt. Der Zürcher Verkehrsverbund (ZVV) will ihnen in der heutigen Form an den Kragen.

Keystone/Steffen Schmidt
Die Sparbillette führen zu eigenartigen Ergebnissen. So kann eine Reise mit dem exakt gleichen Zug von St. Gallen nach Zürich günstiger sein als eine vom näher gelegenen Uzwil nach Zürich.

Die Sparbillette führen zu eigenartigen Ergebnissen. So kann eine Reise mit dem exakt gleichen Zug von St. Gallen nach Zürich günstiger sein als eine vom näher gelegenen Uzwil nach Zürich.

Keystone/Gaetan Bally
Es kann sich lohnen, unnötige Strecken hinzuzukaufen. Wer am Mittwochnachmittag von Zürich nach Schwyz fahren will, muss mindestens 13.50 Franken bezahlen. Günstiger ist es, ein Ticket ab Baden über Zürich zu lösen. Dann werden nur 7.80 Franken fällig.

Es kann sich lohnen, unnötige Strecken hinzuzukaufen. Wer am Mittwochnachmittag von Zürich nach Schwyz fahren will, muss mindestens 13.50 Franken bezahlen. Günstiger ist es, ein Ticket ab Baden über Zürich zu lösen. Dann werden nur 7.80 Franken fällig.

Keystone/Christian Beutler

Als 20-Minuten-Leser R. D.* ein Billett an den Flughafen Zürich kaufen wollte, erlebte er eine Überraschung. Mit einem Sparbillett kostete die Reise ab Flawil 3.60 Franken. Hätte D. den genau gleichen Zug jedoch einen Halt später in Uzwil bestiegen, hätte er mindestens 10.20 Franken bezahlt – dreimal so viel. Ab Winterthur kostete die Reise wiederum 4.40 Franken.

Ein Test von 20 Minuten zeigt: Es kann sich lohnen, unnötige Strecken hinzuzukaufen. Wer am Mittwochnachmittag von Zürich nach Schwyz fahren will, muss mindestens 13.50 Franken bezahlen. Günstiger ist es, ein Ticket ab Baden über Zürich zu lösen. Dann werden nur 7.80 Franken fällig. Die überflüssige Strecke muss nicht gefahren werden. Wer von Zürich ins 16 Fahrminuten entfernte Baden fahren will, bezahlt unter Umständen weniger, wenn er noch die gut einstündige Fahrt von St. Gallen nach Zürich hinzukauft.

Keine Sparbillette im Verbund

Zwar sind die Billette nicht direkt vergleichbar. Bei den günstigeren Billetten handelt es sich um Sparbillette, mit denen Reisende an einen bestimmten Zug gebunden sind. Zudem können innerhalb der Zonen keine anderen Verkehrsmittel genutzt werden. Wer aber genau weiss, wann er welche Strecke zurücklegen will, fährt mit dem Hinzukaufen von eigentlich unnötigen Strecken günstiger.

Der SBB sind die Hände gebunden. Denn der Grund ist, dass die Bahn nur im sogenannt direkten Verkehr Sparbillette anbieten kann. Befinden sich Strecken aber innerhalb eines Verbunds oder zwischen zwei Verbunden, die zusammenarbeiten, ist das der SBB nicht erlaubt. Im Beispiel von R. D. handelt es sich bei den Fahrten von Winterthur und Uzwil nach Zürich Flughafen um Fahrten innerhalb des Zürcher Verkehrsverbunds (ZVV) respektive des Z-Passes. Der bietet keine Sparbillette an.

Sparbillette sind «bedenklich»

ZVV-Sprecher Thomas Kellenberger sagt, die günstigen längeren Strecken seien ein «grosses Problem». Der ZVV will als Konsequenz nicht die eigenen Tarife senken, sondern den heutigen Sparbilletten an den Kragen. «Sie erfüllen ihre Zielsetzungen nicht», sagt Kellenberger. Die Absicht dahinter sei laut der SBB eine Steigerung der Nachfrage und eine Verlagerungswirkung auf schwächer ausgelastete Züge. «Entgegen den veröffentlichten Aussagen der SBB sind die bisher erreichten Resultate gemäss unserem Kenntnisstand aber vernachlässigbar.» Wenn man die «riesige Anzahl von Sparbilletten» und den damit verbundenen «enormen Einsatz von finanziellen Mitteln» bedenke, sei das «bedenklich».

Der ZVV lehne Sparbillette nicht grundsätzlich ab. Sie müssten aber anders umgesetzt werden. Mit Sparbilletten im Fernverkehr werde der Fernverkehr auf Kosten des Regional- und Ortsverkehrs bevorzugt. Auch wenn die Verlagerungswirkung noch gering sei: «Sie kann nicht im Sinne der Besteller des Regional- und Ortsverkehrs sein.»

«Regionalverkehr stark defizitär»

Die grosse Menge der Billette erwecke bei Kunden den Eindruck, die normalen Tarife in den Verbunden seien zu hoch. Das sei aber nicht der Fall: «Der Regional- und der Ortsverkehr sind bei weitem nicht kostendeckend, sondern stark defizitär.» Jedes Jahr werde der ÖV im ZVV-Gebiet mit über 300 Millionen Franken Steuergeldern subventioniert.

Wenn nun die SBB solche Sparbillette anbiete, werde die Wahrnehmung der Kunden «unrichtig beeinflusst», sagt Kellenberger. «Die Folge sind Forderungen nach Tarifsenkungen. Das würde aber nur zu einer Erhöhung der Subventionen mit Steuergeldern führen.» Das wiederum könne dazu führen, dass die Kosten für Kantone und Gemeinden zu hoch würden. «Auf Dauer könnte die Qualität und allenfalls auch der Umfang des Angebots im Regional- und Ortsverkehr abnehmen.»

*Name der Redaktion bekannt.

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