Verkehr 2030: «SBB werden die Gleise durch Strassen ersetzen»
Aktualisiert

Verkehr 2030«SBB werden die Gleise durch Strassen ersetzen»

Nicht der Bahn, sondern dem Auto gehört die Zukunft, sagt Wirtschaftsprofessor Reiner Eichenberger. Der Grund: der technische Fortschritt.

von
R. Landolt
Das Auto überholt die Bahn: Die Thesen von Reiner Eichenberger geben zu reden.

Das Auto überholt die Bahn: Die Thesen von Reiner Eichenberger geben zu reden.

Keystone/Martin Rütschi/Archivbild

Der bekannte Wirtschaftsprofessor Reiner Eichenberger provoziert die Bähnler: In einem Gastbeitrag in der «Weltwoche» schreibt er, langfristig sei die Bahn der Strasse völlig unterlegen. «Die Zukunft gehört der Strasse.» In der Debatte um Milliarden-Projekte wie die zweite Gotthardröhre gehe vergessen, dass Autos im Vergleich zur Bahn immer effizienter würden.

Denn laut Eichenberger wird sich unser Verkehrsverhalten bis zur Fertigstellung einer zweiten Röhre 2030 komplett verändern. Beispielsweise würden bis dann viele Fahrzeuge ganz oder zum Teil autonom fahren, womit ein grosser Nachteil der Strasse wegfalle. «Der Fahrer kann dann im Auto arbeiten oder surfen.»

Der Steuerzahler spart massiv Geld

Und: «Bis 2030 machen Elektroautos einen wichtigen Anteil am Strassenverkehr aus.» Die Ökobilanz des Individualverkehrs sehe dann besser aus – während viele schlecht ausgelastete öffentliche Transportmittel die Staatskasse, aber auch die Ökobilanz massiv belasteten. Doch nicht nur das: Da die Treibstoffsteuereinnahmen grossenteils wegfielen, käme sehr bald das Road-Pricing-System. «Damit liessen sich die Verkehrsströme so steuern, dass auf den bestehenden Strassen viel mehr Autos fahren könnten.»

Dennoch ist im Szenario ein Ausbau der Strassen nötig. Eichenberger sagt, dass Bahntrassen einst Autobahnen weichen werden: «Die SBB werden zu einer Strassenbetreiberin und der Steuerzahler spart massiv Geld, da der hoch defizitäre Schienenverkehr überflüssig wird.»

«Road Pricing ist in der Realität nicht so effektiv, wie man es gerne hätte»

Für Peter de Haan, Physiker und ETH-Dozent für Energie und Mobilität, liegt Eichenberger «in der Tendenz richtig, aber er übertreibt». Das Auto hole bezüglich Ökobilanz auf. Kippen werde diese aber nicht zugunsten des Individualverkehrs – auch nicht mit Elektroautos: «Der ÖV braucht massiv weniger Platz. Fiele er weg, würden Städte wie Zürich schon heute kollabieren.»

Bis Elektroautos das Strassenbild prägen, dauere es ausserdem noch: «Man prognostiziert, dass im Jahr 2035 Elektroautos die Hälfte der Verkäufe ausmachen werden.» Road-Pricing dränge sich also nicht so rasch auf. Zudem könne man auch eine Steuer für Elektrofahrzeuge einführen. Road Pricing schaffe den Stau nicht aus der Welt, wie Erfahrungen aus London oder Mailand zeigten. «Da müsste man extrem hohe Gebühren einführen. Das wiederum ist politisch nicht durchsetzbar.» Es sei eine Utopie, wenn man glaube, dass Bahntrassen zu Strassen umgebaut würden. Dies sei schon technisch nicht sinnvoll.

«Alles steht und fällt mit der Infrastruktur»

Marta Kwiatkowski vom Gottlieb-Duttweiler-Institut ist überzeugt, dass Menschen nie ausschliesslich ein einziges Transportmittel nutzen werden. Es gehe nicht darum, die Strasse gegen die Schiene auszuspielen, sondern vernetzt zu denken: «Der Effizienznutzen von autonomen Fahrzeugen hat die grösste Wirkung, wenn diese in der Verbindung mit den anderen Verkehrsträgern gedacht werden.» Man müsse das Beste von allem nutzen.

Gemäss der Zukunftsforscherin wird der technische Fortschritt sowohl den Individual- als auch den öffentlichen Verkehr effizienter machen. «Zum Beispiel machen mobile Apps das

spontane Navigieren viel einfacher.»

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