«Time-out»: SCB top, YB Flop - so muss es sein in Bern
Aktualisiert

«Time-out»SCB top, YB Flop - so muss es sein in Bern

Das sportliche Seelenleben der Stadtberner ist wieder einmal im Gleichgewicht: Der SCB steht vor einem meisterlichen Triumph und YB ist in eine tiefe, schwere Krise geraten.

von
Klaus Zaugg
Tag und Nacht: Ivo Rüthemann und Martin Plüss (v.l.) vs. Pascal Doubai und Josef Martinez.

Tag und Nacht: Ivo Rüthemann und Martin Plüss (v.l.) vs. Pascal Doubai und Josef Martinez.

YB ist im Bernbiet und in der Stadt Bern ein Mythos, stärker sogar als der SC Bern. Unvergesslich bleiben die vier Meistertitel in Serie (1957, 1958, 1959, 1960), inklusive ein Cupsieg (1958). Aus dieser Zeit stammt der YB-Song. Den Refrain können die Alten noch immer trällern:

E rächte Bärner Giel, dä isch für YB / U we der Schnee verbrönnt, är isch für YB

For ever und für gäng und für toujours / Vo Chopf la hange, wes mal schief geit, isch ke Spur

E rächte Bärner Giel, dä isch by YB / U we der Schnee verbrönnt, är blybt derby.

Das war die «Belle Epoque», als der Sport noch durch und durch eine proletarische Sache war.

Noch immer plangen die Berner auf die Rückkehr solcher Zeiten. Der Titel von 1986 und der Cupsieg von 1987 waren nur ein schwacher Trost und sind schon fast vergessen. Fatalismus ist eingekehrt. Vor dem tatsächlich verlorenen Cupfinal von 2009 gegen Sion (2:3) kreierten die Fans in dunkler Vorahnung ein T-Shirt mit dem Aufdruck «Cupverdammi». Heute ist YB das, was in Zürich der ZSC vor der Eheschliessung mit dem Kapitalisten Walter Frey war: Ein Kultklub mit der Losung: «Wir verlieren, wir werden enttäuscht, wir leiden – also sind wir.»

YB-Fans sind keine lärmenden Kapitalisten

YB ist in Bern der Lieblingsklub der Linken, der Kulturschaffenden und Intellektuellen und die Stadt Bern ist politisch geprägt von links-grün. Es spielt keine Rolle, dass ausserkantonale Kapitalisten das Stade de Suisse bauten und die YB-Rechnungen bezahlen. YB gehört zum Seelenleben jedes Stadtberners, dessen Herz noch ein wenig links schlägt. Schliesslich waren es die Gymeler Max Schwab, Hermann Bauer, Franz Kehrli und der Prögeler Oskar Schwab, die im März 1898 einen Gymer-Fussballclub gründeten. Als Name wurde, als Gegenstück zu den erstklassigen Basler «Old Boys 1894», «Young Boys» gewählt.

Sich ergehen in philosophischen Erklärungen über den YB-Misserfolg, Leiden mit YB - das gehört sozusagen zur Kulturszene der Stadt Bern. Mit dem Bekenntnis zu YB grenzt man sich gegen die lärmenden Kapitalisten aus dem Eishockey-Tempel ab, die den Sport durch Geldverdienen entheiligen, ständig von verantwortungsvollem Wirtschaften und schwarzen Zahlen schwadronieren und sich erst noch erdreisten, Erfolg zu haben und damit zu protzen. Der SC Bern wird viel stärker als YB durch die weniger links stehende Berner Landbevölkerung getragen.

YB sonnt sich auch ein wenig im SCB-Erfolg

YB wieder einmal in einer Krise und der SCB vor einem weiteren meisterlichen Triumph: Nicht oft ist das Seelenleben der Stadtberner so im Gleichgewicht wie in diesen Tagen.

Es wird nicht etwa so sein, dass sich die Linken und Intellektuellen und Kulturschaffenden nicht an einem SCB-Meistertitel freuen werden. Ganz im Gegenteil. Es spricht ja nichts dagegen, sich ein wenig im SCB-Erfolg zu sonnen. Es lässt sich hinterher umso lustvoller über den Erzkapitalisten Marc Lüthi schimpfen.

Deine Meinung