Aktualisiert 05.11.2011 09:31

Verkehrte WeltSCB verzückt nur gegnerische Fans

Endlich hat der SC Bern im fünften Anlauf die Forderung von Manager Marc Lüthi nach spektakulärer Spielweise beherzigt. Dumm nur, dass ausgerechnet die Fans der SCL Tigers bestens unterhalten worden sind.

von
Klaus Zaugg
Auch unter dem neuen SCB-Trainer Antti Törmänen tut sich der SCB schwer mit dem von SCB-General Marc Lüthi erhofften Spektakel.

Auch unter dem neuen SCB-Trainer Antti Törmänen tut sich der SCB schwer mit dem von SCB-General Marc Lüthi erhofften Spektakel.

Die Episode ist verbürgt. Vier stadtbekannte SCB-Chronisten haben diese Saison einen Jassabend auf den 14. Oktober terminiert: An diesem Abend spielte der SCB zu Hause gegen die Lakers. Die vier exzellenten Hockeykenner wählten ihren Jassabend so, weil sie zu Recht davon ausgingen, dass dieses SCB-Heimspiel wieder einmal sehr, sehr langweilig werden würde. Als Ausweichdatum – auch das ist verbürgt – stand der 21. Oktober zur Diskussion. An diesem Tag spielte der SCB zu Hause gegen die ZSC Lions.

Es geht hier nicht etwa darum, SCB-General Marc Lüthi zu schmähen. Da mögen die Hockeygötter davor stehen! Diese Episode aus dem Berner Hockeyleben sollen bloss zeigen, dass der SCB-Vorzeigekapitalist gute Gründe hatte, seinen Trainer Larry Huras nach dem 1:2. n.V gegen die ZSC Lions wegen unattraktiver Spielweise zu feuern.

Seither beurteilen wir die SCB-Spiele primär nach ihrem Unterhaltungswert. Aber auch unter dem neuen Trainer Antti Törmänen hat sich noch nicht «soooo» viel geändert: Nach dem 2:5 gegen Lugano, dem 3:1 in Kloten, dem 2:0 gegen Servette und dem 4:0 in Ambri muss die Stadtberner Hockeygeschichte des 21. Jahrhunderts nicht neu geschrieben werden.

Unterhaltung nach dem Geschmack der Tigers

Aber es gibt einen Lichtblick. Am Freitag ist im fünften Anlauf Lüthis Forderung nach «Hockey total», nach hochkarätiger Unterhaltung, Spannung, Spektakel und Emotionen erstmals vollumfänglich erfüllt worden. Nicht oft werden die Fans so gut unterhalten wie bei diesem Berner Derby. Dumm nur, dass vor allem die zahlenden Zuschauer der SCL Tigers auf die Rechnung gekommen sind. Die Langnauer siegten in einem wilden, aufwühlenden Spiel 6:4.

Der SCB hat in Langnau sozusagen einen «reziproken Lüthi» gespielt. Zur Erklärung: Reziprok bedeutet umgedreht, andersherum, umgekehrt. Das vom SCB-General geforderte Spektakel hat sich also gegen den SCB gewendet. Wiederum ohne Lüthi schmähen: Unter Larry Huras (aber ohne Spektakel) wäre dieses Spiel wahrscheinlich 3:2 oder 4:2 für den SCB ausgegangen. Vielleicht sogar 4:1 oder 5:2.

SCB-Stars überfordert und faul

Was war neu beim SCB? Antti Törmänen hat das Spiel der Mannschaft beschleunigt, und in lichten Momenten spektakelte der SCB wie einst Anfang der 1990er Jahre unter dem verrückten finnischen Antreiber Hannu Jortikka. Aber die Geister, die der neue SCB-Trainer gerufen hat, ist er nicht mehr los geworden: Das Lösen der defensiven Bremsen führte letztlich zur Auflösung der Ordnung im eigenen Drittel. Und etwas war noch immer so wie unter Larry Huras: Gewisse Stars sind entweder überfordert (Joel Kwiatkowski, Jean-Pierre Vigier) oder faul (Marc Reichert, Ryan Gardner). Immerhin zeigt Törmänen Mut und schenkt den Jungen Vertrauen: Joël Vermin (19) und Christoph Bertschy (17) waren in Langnau die besten SCB-Spieler. Aber wann wagt es Törmänen endlich einen der Stars auf die Tribune zu setzen?

Der SCB hatte im Startdrittel das Spiel auf die Überholspur verlegt, Tempo gebolzt und daadurch nach Belieben dominiert. Auch deshalb, weil die Langnauer nach dem 0:1 passiv wurden, sich zurückzogen und den Mut zum Forechecking und zur Härte im Zweikampf verloren. Wenn das SCB-Spiel nicht im Ansatz gestört wird, dann ist es schnell, präzis und spektakulär.

Aber wenn der Gegner nicht aufgibt, hartnäckig seine Chance sucht, den Mut zum Forechecking und zum harten Spiel auf den Mann hat und der Puck nicht den Weg der Berner gehen will, ist das SCB-Spiel zerbrechlich wie eine billige Uhr.

Tiger mit Leidenschaft und Mut

Langnaus grösster Sieg im grössten Spiel dieser Saison hat also wenig mit Talent, aber viel mit Leidenschaft und Mut und einem guten Coach zu tun. Die Emmentaler haben alle spielerischen Mängel überwunden und den SCB im besten Sinne des Wortes mit 6:4 vom Eis gearbeitet.

Nichts illustriert den Willen und die Kampfkraft der Emmentaler besser als die Tatsache, dass mit Robin Leblanc, Christian Moser (der Bruder von Simon Moser) und Anton Gustafsson gleich drei Spieler ihren ersten Saisontreffer erzielt haben. Und eine Szene steht für den gesamten Spielverlauf: Der SC Bern hat Torhüter Marco Bührer durch einen sechsten Feldspieler ersetzt. Anton Gustafsson kommt in der eigenen Zone an die Scheibe und schiebt Ivo Rüthemann einfach zur Seite wie einen Vorhang, läuft auf und davon und markiert das 6:4 (58.57 Min).

Bei Spielmitte war das Momentum gekippt: Die Langnauer hatten während einer Serie von Strafen gegen Philipp Rytz, Kim Lindemann, Claudio Moggi, Simon Lüthi und Pascal Pelletier nur einen Gegentreffer (zum 1:2) kassiert und bei drei gegen fünf ihr Tor reingehalten. «Das Boxplay zeigt den Charakter eines Teams» sagte Trainer John Fust zu 20 Minuten Online. «Nach dieser Phase war für mich klar: Wir gewinnen dieses Spiel. Das habe ich meinen Spielern in der zweiten Pause in der Kabine auch gesagt.» Zu diesem Zeitpunkt stand es 2:2.

Kein Tanz auf der VIP-Loge

Im letzten Drittel führten die SCL Tigers in einem wilden Spektakel – Marco Bührer liess die Scheibe fallen und ermöglichte Pascal Pelletier ein «Gratis-Tor» zum 5:2, Robert Esche parierte in der 54. Minute beim Stande von 5:3 einen Penalty von Vermin – die Entscheidung herbei. Hätte der SCB so im PostFinance-Tempel ein Spiel gedreht – Marc Lüthi hätte in seiner VIP-Loge auf dem Tisch getanzt und das Rad gemacht.

Die eigentliche Herausforderung für Langnaus Cheftrainer John Fust ist jetzt das «Nachladen»: Die Wiederholung der grossen Leistung am Samstagabend bei den Lakers. «Keine Frage, wir müssen diese Partie gewonnen. Nur wenn es uns gelingt, ein paar Spiele hintereinander zu gewinnen, kommen wir in der Tabelle nach oben.» Und SCB-Coach Antti Törmänen hat die grosse Chance, gegen den EV Zug endlich im eigenen Stadion ein richtiges Spektakel aufzuführen: Durch hartnäckiges Forechecking und Härte, gewürzt mit Provokationen, kann beim EVZ die Auflösung von Ruhe und Ordnung im Verteidigungsdrittel und eine allgemeine Disziplinlosigkeit - also ein ordentliches Spektakel - herbeigeführt werden.

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