Auto-Ratgeber: Schaden auf Kunden-Parkplatz – wer zahlt?
Aktualisiert

Auto-RatgeberSchaden auf Kunden-Parkplatz – wer zahlt?

Unbekannte haben Robert0s Auto auf dem Kundenparkplatz seines Garagisten beschädigt. Wer kommt für den Schaden auf?

von
Olivia Solari
AGVS
Ob  in diesem Fall der Garagist  für einen Schaden, der während der Reparatur des Wagens entstanden ist, aufkommen muss, hängt stark von den Umständen des Einzelfalls ab und kann nicht generell beantwortet werden.

Ob in diesem Fall der Garagist für einen Schaden, der während der Reparatur des Wagens entstanden ist, aufkommen muss, hängt stark von den Umständen des Einzelfalls ab und kann nicht generell beantwortet werden.

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Frage von Roberto ans AGVS-Expertenteam:

Ich hatte mein Auto zum Service beim Garagisten. Als ich den Wagen abholen wollte, stellte ich einen langen Kratzer auf der Fahrerseite fest. Mein Garagist stellt sich auf den Standpunkt, dass er dafür nicht verantwortlich ist. Wie ist hier die Rechtslage?

Antwort:

Lieber Roberto

Die Beantwortung dieser Frage hängt stark von den Umständen des Einzelfalls ab. Es können jedoch durchaus gewisse Tendenzen erkannt werden. Hierzu muss in erster Linie das Verhältnis zwischen dem Kunden und der Werkstatt geklärt werden. Oft wird man hierbei zum Schluss kommen, dass ein sog. Werkvertrag im Sinne des Schweizerischen Obligationenrechts vorliegt (Art. 363 ff. OR.). Dieser Vertragstypus zeichnet sich dadurch aus, dass sich der sogenannte Unternehmer zur Herstellung eines Werks und der Besteller zur Leistung einer Vergütung verpflichtet (Art. 363 OR). Die Herstellung eines Werks kann beispielsweise darin gesehen werden, dass der Unternehmer den beschädigten Kotflügel des Kundenfahrzeuges repariert. Seine vertragliche Hauptpflicht besteht demnach in der Reparatur des Kotflügels.

Neben dieser Hauptpflicht bestehen für den Garagisten aber auch vertragliche Nebenpflichten. Er hat seine Arbeit zum Beispiel gemäss Art. 364 Abs. 1 OR sorgfältig auszuführen. Diese Pflicht bedeutet auch, dass der Garagist alle ihm zumutbaren Massnahmen treffen muss, um den Kundenwagen vor einer mutmasslichen Zerstörung zu schützen. Kommt er dieser vertraglichen Nebenpflicht nicht nach, so macht er sich haftbar und muss für den Schaden aufkommen (Art. 365 Abs. 2 OR i.V.m. Art. 97 ff. OR).

Im konkreten Fall stellt sich folgerichtig die Frage, ob der Garagist alle ihm zumutbaren Massnahmen getroffen hat, um das Fahrzeug vor allfälligen Beschädigungen zu schützen. Hierbei muss insbesondere überprüft werden, welche Alternativen dem Unternehmer zur Verfügung gestanden hätten, um einer Beschädigung vorzubeugen. Wäre es ohne weiteres möglich gewesen, alle Kundenfahrzeuge in einem abgeschlossenen Raum abzustellen? Hätte die Werkstatt Sicherheitspersonal zur Überwachung des Parkplatzes engagieren müssen? Oder wäre eine Umzäunung des Parkplatzes notwendig gewesen?

All diese Fragen können illustrativ anhand eines Entscheids des Bundesgerichts aus dem Jahr 1987 aufgezeigt werden (BGE 113 II 421 ff.): Der Geschädigte brachte sein Fahrzeug für Reparaturarbeiten in eine Werkstatt. Kurze Zeit später wurde in die Werkstatt eingebrochen und dabei nicht nur die in der Werkstatt deponierten Autoschlüssel, sondern auch der auf dem Aussenparkplatz abgestellte Wagen entwendet. Der Kunde klagte vor Gericht gegen die Garage, indem er ihr vorwarf ihre Sorgfaltspflicht gemäss Art. 365 Abs. 2 OR verletzt zu haben. Das Bundesgericht wies die Klage des Kunden ab. Diesen Entscheid begründete es damit, dass die beklagte Werkstatt aufgezeigt habe, dass sie alle ihr zumutbaren Vorkehrungen zur ordentlichen Erfüllung des Vertrages getroffen hat.

Wie nun aufgezeigt werden konnte, scheint das Bundesgericht nicht der Meinung zu sein, dass es Aufgabe der Werkstatt sei, ein Kundenfahrzeug ununterbrochen zu beaufsichtigen. Diese Ansicht scheint übrigens auch im deutschen Recht verbreitet zu sein, wie ein Urteil des Landesgerichts Saarbrücken vom 22. März 2019 zeigt, indem es um exakt einen Fall geht, wie du ihn in deiner Frage schilderst.

Nun gibt es zwei Möglichkeiten, damit du nicht auf den Kosten sitzenbleibst: Wenn du bei deiner Autoversicherung eine Parkschadenversicherung abgeschlossen hast, könnte deine Versicherung den Schaden übernehmen. Und: Sprich nochmals mit deinem Garagisten. Gut möglich, dass er gegen solche Schäden versichert ist.

Gute Fahrt!

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