Atommülllager: Schaffhausen bietet Bern die Stirn

Aktualisiert

AtommülllagerSchaffhausen bietet Bern die Stirn

Die Nagra sieht im Südranden im Kanton Schaffhausen einen möglichen Standort für ein Atommülllager. Das will sich Stadtpräsident Marcel Wenger (FDP) nicht bieten lassen. Und die Alternative Liste will notfalls sogar die auffahrenden Bagger besetzen.

von
Hermann-Luc Hardmeier

«Wir wollen kein Atommülllager im Kanton Schaffhausen», empört sich Christoph Lenz von der Alternativen Liste (ALSH). Die Partei hat ihren Unmut in einem offenen Brief an die Nationale Genossenschaft für die Lagerung radioaktiver Abfälle (Nagra) kundgetan. Diese hat Anfang November bekannt gegeben, dass im Südranden ein geeigneter Standort für ein Atommülllager sein könnte - «aufgrund rein geologischer Kriterien», wie Nagra-Geschäftsleitungsmitglied Markus Fritischi erklärt.

Aber nicht nur die Alternative Liste, auch politische Schwergewichte wie Schaffhausens Stadtpräsident Marcel Wenger sind unzufrieden. «Die geologischen Kriterien sind eben nicht die einzigen Kriterien, die für uns relevant sind», erklärt er. «Für die Region Schaffhausen, die als Randregion wirtschaftlich benachteiligt ist, spielen auch sozioökonomische Faktoren eine immense Rolle.»

Wenger will notfalls Entschädigung einfordern

Durch die Androhung eines möglichen Endlagerstandortes für schwach- und mittelradiaktive Abfälle zeige der Bund, dass er am Wirtschaft-, Wohn- und Tourismusstandort nördlich von Zürich zunehmend desinteresssiert sei, sagt Wenger. «Die Stadt Schaffhausen warnt mit Nachdruck vor einer weiteren Belastung und behält sich vor, beim Bund für die entstandenen volkswirtschaftlichen Belastungen vollumfängliche Entschädigung einzufordern», droht er.

Wenger ist nicht überzeugt, dass die Langzeitwirkung von Atommüll tatsächlich völlig unbedenklich sei: «Es wird der Bevölkerung eine Sicherheit vorgegaukelt, welche niemand effektiv über den verlangten Zeitraum beurteilen kann», sagt er. Er warnt zudem davor, dass sich ein Tiefenlager negativ auf das Grundwasser auswiken könnte.

Alternative Liste will alle Hebel in Bewegung setzen

Die Alternative Liste geht noch einen Schritt weiter als der Stadtpräsident. Sie habe «mit Bestürzung» vom Entscheid des «Geologie Clubs» Kenntnis genommen, schreibt die Splitterpartei in ihrem offenen Brief. Die Nagra wolle Schaffhausen zur «primären Mülldeponie der Schweiz» erklären, heisst es weiter. Und: Sie nehme dazu «die Schwächung einer ganzen Region und die Zerstörung von wertvollem Lebensraum» in Kauf.

Anders als Stadtpräsident Wenger glaubt Christoph Lenz von der Alternativen Liste, dass die Nagra nach politischen und nicht nach rein geologischen Kriterien handle. Deshalb will die Partei nun alle politischen Hebel in Bewegung setzen, um sich zu wehren - Vorstösse, Petitionen, Demonstrationen. «Und wenn sie dann immer noch nicht genug haben, dann besetzen wir ihre Baggerschaufeln», heisst es im offenen Brief.

Die Nagra reagiert - und gibt den Schwarzen Peter weiter

«Die Kritik überrascht uns nicht», sagt Nagra-Mann Markus Fritschi, «aber unabhängig, wie man zur Kernenergie steht - radioaktive Abfälle sind vorhanden». Im übrigen auch aus Medizin, Industrie und Forschung. In einem offenen Antwortbrief nimmt die Atommüll-Behörde Stellung: «Wir können die Überraschung nachvollziehen, welche die Benennung des Gebiets Südranden bei Ihnen ausgelöst hat. Enttäuscht sind wir allerdings, dass Sie uns unterstellen, eine Region schwächen zu wollen», heisst es da.

Die Nagra setze lediglich um, was der Bundesrat entschieden habe, nämlich «dass geologische Tiefenlager Langzeitsicherheit gewährleisten und die in der Schweiz produzierten radioaktiven Abfälle auch in der Schweiz entsorgt werden müssen». Fritschi betont, dass die Nagra im übrigen nur die Aufgabe habe, Vorschläge für Tiefenlager zu unterbreiten. Die Leitung der Standortsuche liege letztlich beim Bundesamt für Energie. Womit der Schwarze Peter abgegeben wäre.

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