Aktualisiert 17.02.2017 07:45

Unnütz und teuer

«Schafft das Arbeitszeugnis ab»

«Weg mit den Arbeitszeugnissen», fordern Personaler. Sie würden weder dem Bewerber noch den Arbeitgebern etwas nützen – und vor allem Verwirrung stiften.

von
V. Blank

«Sie arbeitete stets zuverlässig und gewissenhaft»: In Arbeitszeugnissen wimmelt es von solchen oder ähnlichen Floskeln. Die beschriebene Mitarbeiterin wird sich fragen: Ist diese Aussage jetzt gut oder schlecht? Währenddessen rätselt ihr potenzieller neuer Arbeitgeber: Arbeitet die Mitarbeiterin jetzt gut oder nicht?

Genau wegen dieses Dilemmas finden viele Personaler: Das Arbeitszeugnis gehört abgeschafft. «Es stiftet mehr Verwirrung, als dass es nützt», sagt HR-Experte Jörg Buckmann (siehe Video). Das Instrument sei zum «schlechten Scherz» mutiert – «da wird interpretiert, was das Zeug hält».

Letztlich führe ein Arbeitszeugnis bei allen Beteiligten zu Unzufriedenheit: Die Arbeitnehmer witterten hinter jedem salbungsvollen Wort einen Geheimcode. Andererseits – und das sei das Absurde, so Buckmann – würden die Angestellten gleichzeitig solche Codes einfordern: «Erst, wenn im Schlusssatz das ‹grosse Bedauern› über den Weggang ausgedrückt wird, sind sie mit dem Zeugnis zufrieden.»

Schwammige Formulierungen

Angestellte in der Schweiz haben einen rechtlichen Anspruch auf ein Arbeitszeugnis. In der Praxis wird bei einem Stellenwechsel meist ein Vollzeugnis ausgestellt. Darin müssen Leistungen und Verhalten des Arbeitnehmers enthalten sein. Das stellt Chefs vor eine lästige Pflicht – vor allem, wenn sie mit dem Mitarbeiter nicht zufrieden waren: Das Zeugnis muss einerseits wahr sein, andererseits soll es gemäss Gerichtspraxis «wohlwollend» formuliert werden.

Darum erwähnen die Verfasser ungenügende Leistungen oft gar nicht oder verstecken sie hinter vermeintlich positiven Formulierungen («Er verfügt über ein solides Grundwissen»). So wollen sie rechtliche Auseinandersetzungen vermeiden. «Viele Unternehmen gehen lieber auf Nummer sicher und beschreiben die Leistungen nur schwammig», sagt Arbeitsmarktexperte Michael Agoras.

«Teuer, aber von zweifelhaftem Wert»

Letztlich würden die Zeugnisse vor allem Zeit und Geld fressen, monieren die Experten. Laut Buckmann werden in der Schweiz rund eine Million Arbeitszeugnisse pro Jahr erstellt. «Bei einem geschätzten Aufwand von einer Stunde pro Zeugnis heisst das, dass bis zu 600 Menschen ausschliesslich damit beschäftigt sind, Zeugnisse von oft zweifelhaftem Wert auszustellen», rechnete er im Stellen- und Karriereteil der «Schweiz am Sonntag» vor. Unterm Strich handle es sich um ein «100-Millionen-Franken-Absurdum», das in der heutigen Form abgeschafft gehöre.

Anderer Meinung ist Dorothea Tiefenauer, Kommunikationschefin beim Kaufmännischen Verband: «Eine Abschaffung des Arbeitszeugnisses ist mangels Alternative nicht sinnvoll», sagte sie zu 20 Minuten. Arbeitszeugnisse würden dem Arbeitgeber helfen, sich ein besseres Bild des Bewerbers zu machen – und die Karriere des Angestellten begünstigen. «Zeugnisse können darüber entscheiden, ob jemand bei einer Bewerbung in die zweite Runde kommt oder zum Vorstellungsgespräch eingeladen wird.»

Wichtig sei aber, dass die Zeugnisse sorgfältig ausgestellt würden und sich nicht darauf beschränken, «vorgefertigte Satzbausteine mehr schlecht als recht aneinanderzureihen», so Tiefenauer. Um Zeit und Kosten zu sparen, verwenden Firmen in der Praxis oft «Zeugnisgeneratoren» mit vorformulierten Standardsätzen. «Oder die Arbeit wird gleich ganz nach Breslau, Bratislava oder Bangalore ausgelagert», sagt Buckmann. So bleibe über das Arbeitszeugnis nur noch eines zu sagen: «Alles nur Fassade.»

Mitarbeit: Kaspar Wolfensberger

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