Nahost-Konflikt: Schalits Vater: «Auch ich hätte Israelis entführt»
Aktualisiert

Nahost-KonfliktSchalits Vater: «Auch ich hätte Israelis entführt»

Fünf Jahre lang hielten die Hamas Gilad Schalit gefangen. Im Oktober 2011 kam er frei. Nun sagt sein Vater, er könne die Palästinenser verstehen. Israels politische Rechte ist empört.

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ske
Noam Schalit (rechts), empfängt seinen Sohn Gilad (mitte) nach fünfjähriger Gefangenschaft. Auch Israels Ministerpräsident Benjamin Netanyahu ist dabei (zweiter von links).

Noam Schalit (rechts), empfängt seinen Sohn Gilad (mitte) nach fünfjähriger Gefangenschaft. Auch Israels Ministerpräsident Benjamin Netanyahu ist dabei (zweiter von links).

Fünf Jahre lang war Gilad Schalit von den Hamas gefangen gehalten worden. Im vergangenen Oktober kehrte er nach einem Gefangenenaustausch – bei dem über 1000 Palästinenser freigelassen wurden – nach Israel zurück. Eigentlich würde man erwarten, dass sein Vater Noam gegenüber den Entführern seines Sohnes einigen Groll hegt. Tatsächlich aber kann der Israeli für deren Verhalten Verständnis aufbringen – und das sorgt für grosse Empörung bei der politischen Rechten Israels, wie «The Guardian» schreibt.

Noam Schalit hatte in einem Fernsehinterview gesagt, dass er selbst israelische Soldaten entführen würde, wenn er ein Palästinenser wäre. Schalit, der bei den kommenden Wahlen für die oppositionelle Labour Partei kandidieren wird, ging sogar so weit, die Entführung israelischer Soldaten durch Hamas-Militante mit den Techniken israelischer paramilitärischer Kämpfer der Hagana gegen die Briten zu vergleichen. «Wir haben auch britische Soldaten entführt, als wir für unsere Freiheit kämpften.» Die Hagana waren während des britischen Mandats von 1920 bis 1948 tätig gewesen. Gleich nach der Gründung des Staates Israel wurde die Hagana in die israelischen Streitkräfte überführt.

Schalit will mit Hamas verhandeln

Das Fernsehinterview fand in der Küche der Familie Schalit statt. Der israelischen Öffentlichkeit sind derartige Aufnahmen vertraut. Während fünf Jahren hatten die Schalits für die Freilassung ihres Sohnes gekämpft und dafür zahlreiche Interviews gegeben. Im aktuellen Interview ging es vor allem um die Politik Noam Schalits, die er im Parlament vertreten würde. Schalit bezeichnete es als wichtig, dass keine Soldaten oder Israeli in Vergessenheit geraten, die in Schwierigkeiten sind.

Er sagte zudem, er wäre im Gegensatz zu der israelischen Regierung, den USA oder Grossbritannien bereit, mit den Hamas zu verhandeln, wenn er Parlamentsmitglied werden würde. «Ich bin dafür, mit jedem zu sprechen, der mit uns reden will», sagte er. Auf die Frage, ob er mit einer Hamas-Regierung verhandeln würde, die von den Entführern seines Sohnes geführt wird, behauptete er: «Wenn sie ihre Wege ändern und bereit sind, Israel als jüdischen Staat anzuerkennen, ja, dann würde ich ihnen die Hand schütteln.»

Kritik an Netanyahu

Auch gegenüber dem israelischen Premierminister Benjamin Netanyahu fand er kritische Worte. Er anerkannte zwar, dass dieser eine wichtige Rolle bei der Freilassung seines Sohnes gespielt habe, kritisierte aber, dass er nicht schneller gehandelt habe. Noam Schalit selbst hatte damals vorgeschlagen, gegenüber dem Gazastreifen Wirtschaftssanktionen einzuführen. «Sobald sie einen israelischen Soldaten gefangen nehmen und einen so hohen Preis verlangen, sollte man Druck auf sie ausüben. Dazu gehört auch, Geld-Transfers zu stoppen.»

Das Aussage, Netanyahu habe «Gilad nach Hause gebracht», nannte Noam Schalit «pathetisch». Die Entscheidung hätte zwar ein gewisses Risiko beinhaltet, da im Gegenzug für Gilads Freilassung tausende palästinensische Gefangene heimkehren konnten, aber: «Netanyahu wusste, dass über 70, manchmal sogar 80 Prozent der Öffentlichkeit den Tausch befürworteten. Ihm war klar, dass die Öffentlichkeit keinen weiteren Ron Arad akzeptieren würde.» Ron Arad ist ein vermisster israelischer Pilot, der im Libanon gefangen genommen wurde.

Ein Vertreter des Büros des israelischen Premierministers wollte sich zu Schalits Aussagen nicht offiziell äussern. Er erwähnte aber die kürzliche Bekanntgabe von Schalits Kandidatur für die Opposition und meinte, man solle «seinen Kommentar in diesem Kontext betrachten».

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