Unheilbar krank?: Schalkes chronische Erfolglosigkeit
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Unheilbar krank?Schalkes chronische Erfolglosigkeit

Bei Schalke liegen seit Jahren Welten zwischen Anspruch und Wirklichkeit. Mit dem CL-Achtelfinaleinzug gegen Basel wollen die Knappen eine misslungene Saison halbwegs retten.

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Die Ansprüche beim FC Schalke 04 sind hoch. Im Sommer 2013 war einmal mehr vom ersten Meistertitel seit 1958 die Rede. Die Klubführung hat ihren Spielern bereits vor der Saison eine Meisterprämie von drei Millionen Euro in Aussicht gestellt. Für Platz zwei und drei wurde entsprechend weniger budgetiert. Was würden die Profis für Platz sechs kriegen? Das wurde kaum festgelegt. Doch genau da steht die Mannschaft derzeit.

Einmal mehr muss der Klub mit der riesigen Fangemeinde bereits nach der Halbzeit Abstriche machen. In der Liga hinkt man hinterher - 17 Punkte trennen Schalke und die Bayern. Dabei hat man hinter dem Triple-Sieger das zweitteuerste Kader der Liga. Vor zwei Wochen gab es im Achtelfinal des DFB-Pokals zuhause gegen Hoffenheim ein empfindliches 1:3. Um die Saison nicht schon jetzt abschreiben zu müssen, soll der CL-Achtelfinal die erhitzten Gemüter der Fans beruhigen. Dafür ist im Heimspiel gegen Basel vom Mittwoch ein Sieg gefragt. Sonst ist Feuer unter dem Dach der Veltins-Arena.

Der Sündenbock heisst Keller

In das Schalke der Neuzeit mit den Titelambitionen und dem Champions-League-Kader passt einer so gar nicht: Jens Keller. Vor einem Jahr stieg er vom U17- zum Cheftrainer auf. Seine Tage scheinen gezählt. Manager Horst Heldt stellte ihm im Falle des Scheiterns keine Jobgarantie in Aussicht. Will heissen: Verpasst Schalke die Achtelfinals, ist Keller weg.

Schon länger wird an Keller herumgenörgelt. Erst waren es die Medien, dann die eigenen Fans und nun in der Form von Youngster Julian Draxler ein Spieler. Keller werden mangelnde Ausstrahlung, taktische Fehler und fehlende Entwicklung vorgeworfen. Und vor allem scheint er die Schalker Vereinskrankheit in sich zu tragen; chronische Erfolglosigkeit. Die Öffentlichkeit traut seiner Mannschaft momentan kaum etwas zu. So war es vor dem Direktduell mit Gladbach vom vergangenen Wochenende (2:1 für Gladbach), so ist es vor dem «Endspiel» gegen Basel.

Mit der Erfolglosigkeit steigt der Unmut der Fans. Manager Heldt wird dafür kritisiert, dass er im vergangenen Mai den auslaufenden Vertrag mit Keller verlängerte. Nur sieben Monate später steht er vor der Aufgabe, den 43-jährigen Stuttgarter freizustellen. Einmal mehr müssen die Schalker bei null anfangen. Von Kontinuität auf einem der wichtigsten Posten des Vereins keine Spur: 14 Trainer in den letzten zehn Jahren wurden verbraucht.

Die bittersten vier Minuten der Geschichte

Dabei hätte es 2001 fast geklappt mit dem Meistertitel. Das letzte Saisonspiel gegen Unterhaching gewann man 5:3 und die Schalker feierten bereits den Titel. Doch Bayern München glich gegen Hamburg in der Nachspielzeit aus und hielt am Ende die Schale in den Händen. Schalke wurde von den Medien zum Meister der Herzen gekürt und zog erstmals in die Champions League ein. Im gleichen Jahr bezog der Klub die Arena auf Schalke, damals das modernste Fussballstadion der Welt. Mit den jüngsten Erfolgen und der neuen Arena stiegen die Erwartungen. Infolge grosser Investitionen verschuldete sich der Klub in den Folgejahren schwer. Privatkredite sollen 2006 die Insolvenz abgewendet haben.

Schon in den 80er-Jahren wurde die Existenz des Vereins immer wieder durch erhebliche finanzielle Probleme bedroht. Sportlich musste der siebenfache Meister (1934/35/37/39/49/42/58) ebenfalls unten durch. Alleine in den 80er-Jahren stieg der Traditionsklub zweimal in die zweite Liga ab, einmal drohte sogar der freie Fall in die dritte Liga. Erst 1991 gelang den Schalkern der Wiederaufstieg in die Bundesliga.

Das «Modell Wolfsburg»

2009 wollten die Schalker den Erfolg mit dem «Modell Wolfsburg» erzwingen. Felix Magath führte den VfL Wolfsburg in der Saison 2008/2009 sensationell zum bislang einzigen Meistertitel der Vereinsgeschichte. Wie beim VW-Klub amtete Magath in Gelsenkirchen in der Doppelfunktion als Trainer und Manager. In nur einer Saison führte der Erfolgscoach die Knappen auf den zweiten Platz und damit in die Champions League. Damit nicht genug: Im Sommer 2010 wurde das Kader komplett umgebaut. 16 Spieler mussten gehen, 14 wurden verpflichtet, darunter Reals Vereinsikone Raúl sowie Hollands Stürmerstar Klaas-Jan Huntelaar. Doch auch dies zahlte sich nicht aus, Magath musste nach eineinhalb Jahren gehen.

Nun scheinen die Tage von Keller beim Verpassen der CL-Achtelfinals gezählt. Sein möglicher Nachfolger wird in diesen Tagen in diversen deutschen Medien bereits heiss gehandelt: Thomas Schaaf. Von 1988 bis 2013 war der 52-Jährige Trainer bei Werder Bremen und wurde dort Meister sowie Pokalsieger 2004. Offenbar muss nur noch geklärt werden, ob er schon jetzt als Feuerwehrmann einspringt oder der Neuanfang erst im Sommer eingeläutet wird. Nach dem Basel-Spiel dürften wir es wissen.

Ist Schaaf der richtige Mann?

Passt Schaaf zu den Knappen? Eine Schalke-Legende bringt es auf den Punkt: «Werder ist nicht Schalke. Wenn es hier nicht läuft, brennt der Baum viel schneller.» Die Schalker Bosse scheinen einmal mehr einen neuen Weg einzuschlagen. Eine Frage stellt sich aber: Besitzt man im Ruhrgebiet die Geduld, auf den Erfolg zu warten? Kann man sich in Zukunft gegebenenfalls mit Rang zwei oder drei abfinden, sollte die Dominanz von Bayern München und Borussia Dortmund anhalten? Wenn ja, dann könnte das Experiment Schaaf den Schalkern den ersten Meistertitel seit 57 Jahren bescheren. Das wäre im Frühling 2014/15. Doch das ist vorerst Wunschdenken.

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