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AfghanistanScharfe Kritik an NATO-Luftangriff

Nach dem verheerenden Luftangriff in Afghanistan mit Dutzenden Toten ist die NATO um Schadensbegrenzung bemüht.

US-Amerikanische und deutsche Offiziere besuchten in Kundus zivile Opfer des Angriffs. Aus dem Kreis der EU- Aussenminister gab es Kritik am Angriff. In einem beispiellosen Schritt wandte sich am Samstag der Oberkommandierende der Internationalen Schutztruppe (ISAF), US-General Stanley McChrystal, in einer Fernsehansprache an die Afghanen und sicherte eine vollständige Aufklärung des Vorfalls zu.

Der Chef der ISAF-Öffentlichkeitsarbeit, US-Konteradmiral Greg Smith, besuchte im Spital von Kundus Verletzte des Angriffs, der sich nach ISAF-Darstellung gegen Taliban-Kämpfer gerichtet hatte.

Gestohlene Tanklastwagen bombardiert

Auf Anforderung eines deutschen Offiziers hatte ein US-Jagdbomber am Freitag zwei von den Taliban gestohlene Tanklastwagen bombardiert und dabei 50 bis 90 Menschen getötet. Unter den Opfern sind nach offiziellen afghanischen Angaben viele Zivilisten.

Ein Knabe, der an Arm und Bein schwere Brandwunden erlitten hatte, schilderte, wie er den Angriff erlebt hatte. «Wie alle anderen wollte ich Benzin aus den Tanklastern holen, als die Bomben auf uns fielen», sagte der sechs oder sieben Jahre alt Schaifullah.

Schutz der Zivilisten wichtig

ISAF-Chef McChrystal versicherte, dass ihm nichts wichtiger sei als der Schutz der afghanischen Zivilbevölkerung. «Ich nehme den möglichen Tod und Verletzungen unschuldiger Afghanen sehr ernst», sagte der General.

Er hatte seine Kommandanten im Sommer angewiesen, vor der Eröffnung des Feuers den Schutz von Zivilisten sicherzustellen. Die Tanklaster seien angegriffen worden, weil die NATO sicher gewesen sei, dass sich nur Taliban bei ihnen aufgehalten hätten.

Jung rechtfertigt Angriff

Der deutsche Verteidigungsminister Franz Josef Jung stellte sich hinter den Bundeswehroffizier, der die Luftunterstützung angefordert hatte.

Es habe eine konkrete Gefahr für die deutschen Soldaten bestanden, weil die Taliban in den Besitz von zwei Tanklastern gekommen seien, sagte er der ARD am Freitagabend. Tanklastwagen werden von den Taliban oft für besonders schwere Selbstmordanschläge verwendet.

In der Europäischen Union wurde inzwischen scharfe Kritik am Luftangriff in Afghanistan laut. Frankreichs Aussenminister Bernard Kouchner sprach beim informellen EU-Aussenministertreffen in Stockholm von einem «grossen Fehler».

Kritische Worte der EU-Kollegen

«Wir müssen so etwas verhindern», sagte Kouchner zum NATO-Luftangriff. Die Strategie der internationalen Truppen in Afghanistan müsse sein, «mit dem afghanischen Volk zusammenzuarbeiten - nicht, es zu bombardieren».

Sein luxemburgischer Kollege Jean Asselborn sprach von einer «Aktion, die nicht hätte stattfinden dürfen». EU-Aussenkommissarin Benita Ferrero-Waldner, Grossbritannien und Italien pochten auf eine rasche Untersuchung, wie sie die NATO angekündigt hat.

Afghanistan im Zentrum

Bei ihren Beratungen in Stockholm, bei denen die Lage in Afghanistan im Mittelpunkt stand, forderten die EU-Aussenminister die rasche Bildung einer funktionierenden und korruptionsfreien Regierung in Kabul.

«Je rascher wir ein Wahlergebnis haben und eine Regierung bestimmt ist, desto besser», sagte EU-Chefdiplomat Javier Solana. Die EU hat seit 2001 den Wiederaufbau Afghanistans mit gut neun Milliarden Euro unterstützt.

(sda)

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