Aktualisiert 24.01.2008 15:12

Scharfe Kritik der Siemens-Aktionäre

Bei der Siemens-Hauptversammlung haben Aktionärsvertreter der Konzernspitze im Zusammenhang mit der Korruptionsaffäre Hilflosigkeit vorgeworfen. Der Firmengründer würde sich angesichts der haarsträubenden Fälle «im Grab umdrehen», klagte ein Anlegerschützer.

«Da wird Siemens von der Presse wie ein Lump durch die Strassen getrieben und Siemens wirkt hilflos», kritisierte Daniela Bergdolt von der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW). Das Unternehmen habe durch sein eigenes Verhalten Vertrauen verspielt.

«Das in 160 Jahren erworbene Image ist ramponiert», sagte die Aktionärsschützerin. Informationen über die Schmiergeldaffäre seien nur in Bruchstücken veröffentlicht worden. «Die gelobte Firmenkultur scheint ein Firmensumpf zu sein», meinte Bergdolt.

Auch der Vorstand der Schutzgemeinschaft der Kapitalanleger (SdK), Harald Petersen, kritisierte, Siemens habe immer nur zugegeben, was schon bekannt gewesen sei. «Man hat erst reagiert, wenn es nicht mehr anders möglich war.» Auch jetzt sei nicht abzuschätzen, was noch ans Licht kommen werde.

Die Affäre sei ein Verbrechen an den Aktionären und den Beschäftigten, sagte Petersen. «Wenn der Gründer des Unternehmens erfahren würde, wo wir gerade stehen, würde er sich im Grab umdrehen.» Die Kosten für die Korruptionsaffäre fehlten Siemens bei notwendigen Investitionen. «Man gilt nicht mehr als der beste im Bereich Innovation, sondern im Bereich Korruption», sagte der Anlegeranwalt.

Lob gab es von den Aktionärsvertretern für Siemens-Chef Peter Löscher. «Ihnen glaubt man bisher, dass das, was sie sagen, auch umgesetzt wird», erklärte Petersen. «Wir vertrauen ihnen.» Anlegeranwältin Bergdolt lobte den Konzernumbau. Dadurch würden klare Verantwortlichkeiten geschaffen. «Siemens hat jetzt auch die Chance wie Phönix aus der Asche aufzusteigen», erklärte Bergdolt. Dagegen meinte der Vorstand der Siemens-Belegschaftsaktionäre, Manfred Meiler: «Eine neue Unternehmensstruktur macht noch keine Unternehmenskultur.» Die Siemensianer erlebten zur Zeit ein Wechselbad der Gefühle zwischen Entsetzen und Hoffen.

Kritik übten die Aktionärsschützer von DSW und SdK am Aufsichtsrat und kündigten an, diesen nicht zu entlasten. Bis heute sei nicht klar, wann Vorstand und Aufsichtsrat erstmals von den Schmiergeldern erfahren hatten und wem die Verantwortung für den Skandal zuzuschreiben sei. Bergdolt kündigte an, die DSW werde gegen die Wiederwahl von Gerhard Cromme und Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann in den Aufsichtsrat zu stimmen. Gegen beide gebe es zwar keine Vorwürfe in der Affäre, sie stünden aber auch nicht für den gewünschten radikalen Neuanfang bei Siemens. (dapd)

Trotz Schmiergeldaffäre Milliardengewinn

Der Siemens-Konzern geht gestärkt durch Milliardengewinne in die weitere Aufarbeitung des Schmiergeldskandals. Im ersten Quartal (per Ende September) des Geschäftsjahres 2007/08 verdiente Siemens 6,5 Mrd. Euro.

Ein Jahr zuvor waren dem krisengeschüttelten unter dem Strich 788 Mio. Euro geblieben. Die Gewinnsteigerung kam auch dank des Verkaufs des Autozulieferers VDO zustande.

«Wir sind gut und stabil unterwegs», sagte Siemens-Chef Peter Löscher. Sorgenkinder sind allerdings die Verkehrstechnik mit anhaltenden Problemen bei den «Combino»-Strassenbahnen und die bisherige Ertragsperle Energieerzeugung.

Im ersten Quartal schnitt der Konzern aber besser ab als von Analysten erwartet. Das operative Ergebnis der Bereiche stieg um 16 Prozent auf 1,7 Mrd. Euro. Der Umsatz stieg um zehn Prozent auf 18,4 Mrd. Euro, der Auftragseingang wuchs um neun Prozent auf 24,2 Mrd. Euro zu.

Die Börse begrüsste die Zahlen mit einem Kursaufschlag. Aktionärsvertreter kritisierten die frühere Führung wegen der Schmiergeldaffäre, lobten aber den Konzernumbau und die operative Entwicklung.

Schmiergeldaffäre kostet

Die Kosten für die Schmiergeldaffäre summieren sich inzwischen auf mehr als 1,5 Mrd. Euro. Diese Summe dürfte sich zum Beispiel durch eine drohende Milliardenstrafe in den USA noch deutlich erhöhen.

In den Verhandlungen mit der mächtigen US-Börsenaufsicht SEC gelang Siemens ein Durchbruch: Die SEC habe ihr Einverständnis zu Gesprächen über einen «umfassenden und fairen Vergleich» erklärt, sagte Siemens-Aufsichtsratschef Gerhard Cromme auf der Hauptversammlung in München. Die Verhandlungen könnten im Februar beginnen.

(SDA)

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