Aktualisiert 26.06.2011 19:30

Umstrittene Forderung

Scharia-Eherecht in der Schweiz?

Wissenschaftler wollen Polygamie für Muslime in der Schweiz zulassen und ihr Heiratsalter auf 16 senken. Fachleute kritisieren die Vorschläge scharf.

von
Désirée Pomper

Das christlich geprägte Familienrecht könne bei Zugewanderten aus anderen Kulturkreisen zu Problemen führen: So lautete der Tenor an einer kürzlich durchgeführten internationalen Tagung des Center for ­Islamic and Middle Eastern Legal Studies an der Universität Zürich. Dort betreut Professorin Andrea Büchler eine Dissertation, die vorschlägt, in gewissen Fällen Polygamie in der Schweiz zu erlauben, wie die «NZZ am Sonntag» schreibt. Auch soll es Muslimen möglich sein, bereits mit 16 Jahren zu heiraten. Ausserdem glaubt der Dissertant, die Integration verbessere sich, wenn Brautpaare beim Imam oder Rabbiner statt auf dem Zivilstandsamt heiraten dürften.

«Es befremdet mich, dass auf akademischer Ebene versucht wird, alte patriarchische Strukturen wiederherzustellen», sagt dazu Saida Keller-Messahli vom Forum für einen fortschrittlichen Islam. Indem eine multikulturelle Romantik an den Tag gelegt werde, fördere man eine Parallelgesellschaft und ebne Zwangsheiraten den Weg. Luca Cirigliano von der Eidgenössischen Kinder- und Jugendkommission hat ebenfalls Bedenken: «Zwangsehen wären noch viel leichter durchzusetzen, wenn die Frauen minderjährig sind und wenn die Ehe vor einem Imam statt vor einer neutralen Instanz geschlossen werden kann.» Auch die Schweizerische Laizistische Gesellschaft SLG sieht Handlungsbedarf. Gestern hat sie eine Petition für die Trennung von Staat und Kirche im Schweizer Eherecht gestartet.

Scharia

Die Scharia ist das unabänderliche islamische Recht, das auf dem Koran und damit auf Gottes Wort beruht. Es unterscheidet zwischen Muslimen und Nicht-Muslimen und weist Frauen einen unterschiedlichen Rechtsstatus zu, der sie in der Regel benachteiligt.

Die Scharia bedroht eine Reihe von verbotenen Handlungen mit Körperstrafen («Hadd-Strafen»): Dazu zählen Alkoholgenuss, Unzucht, die falsche Bezichtigung der Unzucht, Diebstahl, Geschlechtsverkehr zwischen Männern und der Abfall vom Islam.

Für Ehebruch (Unzucht) bei volljährigen Personen, die verheiratet sind oder waren, sieht der Koran lebenslangen Hausarrest oder einen von Gott geschaffenen «Ausweg» vor. Dieser Ausweg ist in der Rechtspraxis die Steinigung. Unzucht muss allerdings von vier männlichen Zeugen bestätigt werden, was praktisch ein Geständnis notwendig macht.

Deine Meinung

Fehler gefunden?Jetzt melden.