Junge Fotografinnen: Schatzsuche in geheimnisvollen Ruinen
Aktualisiert

Junge FotografinnenSchatzsuche in geheimnisvollen Ruinen

Deborah Sgier und Naomi Weber fotografieren dort, wo lange keiner mehr war: In verlassenen Gebäuden tauchen sie in vergangene Zeiten ein.

von
Simon Ulrich

Begeben Sie sich mit Deborah und Naomi an einen Lost Place. (Video: sul)

Die Gemäuer bröckeln, Tapeten hängen in Fetzen von den Wänden und auf den Böden lagert Schutt und Staub: Mit den Gebäuden, in denen Deborah Sgier (28) und Naomi Weber (24) ihre Freizeit verbringen, würde kein Tourismusverband Werbung machen. Es sind marode Bauernhäuser und Villen, stillgelegte Fabriken und Sanatorien, aufgegebene Hotels und Swingerclubs. Einst lebten hier Familien, verrichteten Arbeiter ihr Tagwerk, gingen Gäste ein und aus. Heute sind die Bauten verlassen, vergessen, funktionslos.

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Heruntergekommen, dreckig, chaotisch – und doch wunderschön. Zimmer eines ehemaligen Herrenhauses in Frankreich.

Heruntergekommen, dreckig, chaotisch – und doch wunderschön. Zimmer eines ehemaligen Herrenhauses in Frankreich.

Deborah Sgier/Naomi Weber
Deborah Sgier (links) und Naomi Weber fotografieren leidenschaftlich gerne Lost Places.

Deborah Sgier (links) und Naomi Weber fotografieren leidenschaftlich gerne Lost Places.

sul
An den Wochenenden begeben sie sich in stillgelegte Fabriken ...

An den Wochenenden begeben sie sich in stillgelegte Fabriken ...

Deborah Sgier/Naomi Weber

Von solchen Lost Places, wie man die Schauplätze nennt, fühlen sich Sgier und Weber magisch angezogen. Kaum ein Wochenende vergeht, an dem sich die beiden Oltnerinnen nicht mit Kamera und Stativ aufmachen, um einen von der Welt vergessenen Ort zu erkunden. Das sei jedes Mal Nervenkitzel pur. «Es fängt schon damit an, dass wir im Vorfeld meist nicht wissen, ob wir überhaupt ins Gebäude reinkommen», sagt Sgier. Unverschlossene Türen seien eher die Ausnahme. Oft klettern sie daher durch ein offenes Fenster oder ein Schlupfloch, notfalls auch mithilfe einer Räuberleiter.

Je unberührter, desto besser

Dass sie sich dabei in einer rechtlichen Grauzone bewegen, ist den beiden Urban Explorer (kurz Urbexer), wie die Lost-Place-Besucher in der Szene genannt werden, klar. «Irgendwem gehören die Gebäude ja noch immer und streng genommen müsste man für das Betreten wohl eine Genehmigung einholen», sagt Sgier. Einbrechen sei jedoch tabu, und gegenüber den Einrichtungen verhalte man sich stets respektvoll. «Take nothing but pictures, leave nothing but footprints», lautet eine der wichtigsten Regeln der Urbexer. Nimm nichts mit ausser deinen Bildern und hinterlasse nichts ausser deinen Fussspuren.

Dass sich längst nicht alle Ruinengänger an das ungeschriebene Gesetz halten, zeigen die unzähligen Graffitis und Vandalenakte, die auf den Fotos zu sehen sind. «An solchen Orten hängen eben auch viele Jugendliche rum und feiern ihre Partys», sagt Sgier. Umso begeisterter sind die Hobby-Fotografinnen, wenn sie einen «unberührten» Lost Place vorfinden, einen ohne Sprayereien und Verwüstungen. «Das ist wie ein Sechser im Lotto, da flippen wir richtig aus», erzählt Weber. Ihre Bilder stellen sie – auch das gehört zum Ehrenkodex der Urbexer – ohne Angaben zum Standort ins Netz. «Die gefundenen Schätze behält man gern für sich», sagt sie.

Geschichte hautnah erleben

Überhaupt gleiche die Begehung eines Lost Places einer Schatzsuche. Nie wisse man, was einen erwarte, auf welche Überbleibsel aus vergangenen Tagen man stosse. Kürzlich stiegen die beiden besten Freundinnen in ein herrschaftliches Chateau im Elsass ein, mit Marmorsäulen, roten Teppichen, Kronleuchtern und einem verstaubten Klavier. «Wir lieben solche edlen Interieurs», schwärmt Sgier.

Daneben lassen auch ehemalige Spitäler und Psychiatrien die Herzen von Sgier und Weber, die beide im Gesundheitswesen tätig sind, höher schlagen. In einem verwaisten Spital, das sie letzten Dezember auskundschafteten, standen noch diverse Maschinen wie etwa ein Röntgengerät an ihrem Platz. An solchen Orten lasse sich Geschichte hautnah erleben, sagt Weber. «Man kann sich richtig vorstellen, wie diese Orte früher gelebt haben müssen.»

Als wäre die Zeit stehen geblieben

Dabei erwecken manche Gebäude auf den Bildern den Eindruck, als habe darin noch vor wenigen Wochen das Leben geherrscht. In einem einst berühmten Thermalbad im Raum Olten, das vor über 15 Jahren geschlossen wurde, liegen Flügeli und Flossen im leeren Becken herum, auf einem Tisch liegen Fachzeitschriften auf, in einem Zimmer steht noch immer ein Solarium. Die Atmosphäre mutet gespenstisch an. «Manchmal kommt es einem vor, als wäre die Zeit einfach stehen geblieben», sagt Weber.

In anderen Häusern hat die Natur längst Überhand genommen. In einem Raum wachsen bereits Bäume, der Boden ist mit Moos bedeckt, der Efeu kriecht durchs Fenster. Für manche Leute sind solche Bauten Schandflecken. Nicht so für Sgier und Weber. Mit ihrer Fotografie haben sie eine klare Mission. «Wir wollen die Schönheit des Verfalls zeigen.»

Weitere Bilder von Deborah Sgier und Naomi Weber finden Sie unter:

https://www.facebook.com/urbexrebel/

https://urbanexplorationphotography.jimdo.com/

Deborah Sgier (links) und Naomi Weber erkunden Lost Places und halten deren einzigartige Atmosphäre fotografisch fest.

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