Schweizer Medizintourismus: Scheich wollte einen Teil der Intensivstation mieten
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Schweizer MedizintourismusScheich wollte einen Teil der Intensivstation mieten

Reiche Ausländer lassen sich oft und gerne in der Schweiz medizinisch betreuen – teilweise mit skurrilen Extra-Wünschen.

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rab
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In Schweizer Spitälern sind Medizintouristen gern gesehene Gäste. Nicht nur Privatkliniken umwerben Ausländer. Die Universitätsspitäler Zürich (Bild), Basel und Bern führen internationale Büros.

In Schweizer Spitälern sind Medizintouristen gern gesehene Gäste. Nicht nur Privatkliniken umwerben Ausländer. Die Universitätsspitäler Zürich (Bild), Basel und Bern führen internationale Büros.

Keystone/Ennio Leanza
14 208 Personen – vor allem  aus Deutschland und Frankreich – reisten 2016 für eine stationäre Behandlung in die Schweiz. Bild: Inselpital Bern.

14 208 Personen – vor allem aus Deutschland und Frankreich – reisten 2016 für eine stationäre Behandlung in die Schweiz. Bild: Inselpital Bern.

Keystone/Gaetan Bally
Sie bezogen insgesamt Leistungen für rund 220 Millionen Franken in einem Jahr. Bild: Universitätsspital Basel.

Sie bezogen insgesamt Leistungen für rund 220 Millionen Franken in einem Jahr. Bild: Universitätsspital Basel.

Keystone/Georgios Kefalas

Zum ersten Mal lassen sich die Dimensionen des Medizintourismus' in der Schweiz in Zahlen fassen: 14'208 Personen – vor allem aus Deutschland und Frankreich – reisten 2016 für eine stationäre Behandlung in die Schweiz. Entsprechend nutzten die Gäste meist Spitäler in der Genferseeregion und der Ostschweiz. Insgesamt wurden Leistungen für rund 220 Millionen Franken in einem Jahr bezogen, wie die «SonntagsZeitung» schreibt. Dies macht Medizintouristen in Spitälern meistens zu gern gesehenen Gästen – und das nicht nur in Privatkliniken. Die Universitätsspitäler Zürich, Basel und Bern führen gar internationale Büros.

Am beliebtesten waren chirurgische Eingriffe, die 41 Prozent der Behandlungen ausmachten. Auch Reha-Aufenthalte lagen im Trend. Bei jeder zehnten Reise in die Schweiz ging es um Gynäkologie und Geburtshilfe. Insgesamt machten Medizintouristen rund 1,4 Prozent aller Patienten in der Schweiz aus. Diese Zahlen rund um den Schweizer Medizintourismus hat die Professorin Barbara Haering im Auftrag der Schweizerischen Akademie der Medizinischen Wissenschaften (SAMW) mit ihrem Team erarbeitet. Für die Studie rund um das Phänomen trugen sie nicht nur Daten zusammen, sondern befragten auch 20 Experten aus dem Gesundheitswesen.

«Dieser VIP flog eine Entourage von 30 Personen ein»

Dabei zeigte sich: Immer wieder sorgen extravagante Wünsche von ausländischen Patienten für Kopfschütteln. Peter Zombori, der mit seiner Firma Premium Switzerland Reisen für Medizintouristen in die Schweiz organisiert, erzählt in der «SonntagsZeitung» etwa von einem Patienten aus dem Nahen Osten, der im diesjährigen Hitze-Sommer in einer Schweizer Klinik behandelt wurde und kurzerhand eine Klimaanlage in sein Zimmer installieren liess. Geld habe dabei keine Rolle gespielt.

«Dieser VIP flog eine Entourage von 30 Personen ein, brachte alle in einem Luxushotel unter», erzählt Zombori. Als diese einen Teil der Intensivstation für den Scheich privatisieren lassen wollten, ging das den Ärzten dann wohl doch zu weit. «Das wurde von den Ärzten abgelehnt», so Zombori.

Behandlung nur von männlichem Personal gewünscht

Professorin Haering berichtet von ausländischen Patienten, die eine Behandlung durch weibliche Ärztinnen und Pflegerinnen verweigert haben – und dass gewisse Spitäler diesem Wunsch dann auch tatsächlich nachgekommen sind. Ein in der Studie befragter Experte erwähnte einen Fall von versuchter Korruption, damit der Patient schneller berücksichtigt werde. «Auch werden Medizintouristen immer wieder von ungewohnt vielen Angehörigen begleitet, die wiederum Platz und Zeit in Anspruch nehmen», heisst es weiter.

Platz, der laut der Zeitung in einem vielerorts stark ausgelasteten Gesundheitssystem knapp ist. Die Gefahr einer Verdrängung von Schweizer Patienten sei laut SAMW-Präsident Daniel Scheidegger aber noch nicht gegeben. Die Zahl der Medizintouristen sei in den letzten Jahren gar zurückgegangen. Auf den meisten Abteilungen liessen sich Eingriffe gut planen und Engpässe vermeiden.

Schweizer verlegt, weil Bett von Medizintourist belegt war

Einzige Ausnahme sei dabei die Intensivstationen. Weil die Ressourcen dort laut Scheidegger ohnehin sehr knapp sind und es in der Regel um unerwartete Notfälle geht.

Experten bestätigen Einzelfälle, in denen einheimische Patienten entweder verlegt oder nicht aufgenommen wurden, weil ein komplexer Fall aus dem Ausland die beschränkten Kapazitäten über längere Zeiten in Anspruch genommen hat. Ein Schweizer Patient sei nach Köln ausgeflogen worden, weil das Bett auf der Intensivstation für einen Medizintouristen gebraucht wurde. Ein solcher Fall ist laut Scheidegger «natürlich stossend», man müsse aber auch beachten, dass es in dringlichen Fällen um Leben und Tod gehe. «Und da spielt es zu Recht keine Rolle, ob jemand aus der Schweiz kommt oder aus einem anderen Land.»

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