Chance oder Katastrophe?: «Scheitern gehört nicht zu einer Karriere dazu»
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Chance oder Katastrophe?«Scheitern gehört nicht zu einer Karriere dazu»

Warum ist Scheitern für Europäer eine Katastrophe und für Amerikaner eine Chance? Claus Schreier von der Hochschule Luzern gibt Antworten.

von
Isabel Strassheim
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«Scheitern gehört nicht zu einer Karriere dazu», erklärt Claus Schreier von der Hochschule Luzern. Es kann eine Chance sein, wir sollten das Scheitern aber nicht überhöhen.

«Scheitern gehört nicht zu einer Karriere dazu», erklärt Claus Schreier von der Hochschule Luzern. Es kann eine Chance sein, wir sollten das Scheitern aber nicht überhöhen.

Ausgelöst worden war die Diskussion ums Scheitern von einer Studie der Hochschule für Wirtschaft (HSW) in Freiburg. Sie zeigt: Junge Schweizer stehen dem Unternehmertum positiv gegenüber - wollen jedoch selbst keine Firma gründen. Sie wollen nicht aus ihrer Komfortzone ausbrechen.

Ausgelöst worden war die Diskussion ums Scheitern von einer Studie der Hochschule für Wirtschaft (HSW) in Freiburg. Sie zeigt: Junge Schweizer stehen dem Unternehmertum positiv gegenüber - wollen jedoch selbst keine Firma gründen. Sie wollen nicht aus ihrer Komfortzone ausbrechen.

unsplash.com / Crew Canada
Das geht aber gar nicht allen so. Andrea Würsch (28) und Jérôme Neumann (28), Gründer von meincatering.ch: «Wir wussten schon während unserer gemeinsamen Kochlehre, dass wir nicht einfach irgendwo angestellt sein wollen.»

Das geht aber gar nicht allen so. Andrea Würsch (28) und Jérôme Neumann (28), Gründer von meincatering.ch: «Wir wussten schon während unserer gemeinsamen Kochlehre, dass wir nicht einfach irgendwo angestellt sein wollen.»

zvg

Gehört Scheitern heute zu einer Karriere dazu?

Scheitern gehört nicht dazu. Es kann eine Chance sein, wir sollten das Scheitern aber nicht überhöhen. Wenn zunächst gescheiterte, aber letztlich dann doch erfolgreiche Unternehmer die Niederlage als notwendigen Weg zum Erfolg darstellen, ist das falsch. Scheitern ist keine notwendige Bedingung für den Erfolg.

Kommt es nicht darauf an, wie wir damit umgehen?

Es geht darum, ob wir nach vorne blicken oder auf die Vergangenheit. In den USA wird nicht das Scheitern als schlimm angesehen, sondern das Nicht-Wiederaufstehen. Das kommt auch daher, dass die Amerikaner historisch betrachtet vom Geist der Auswanderer, das heisst Gründern, dominiert sind. Die weniger Mutigen sind in Europa geblieben.

Scheitern passt aber auch nicht zu den Schweizer Branchen wie Banken oder Maschinenindustrie.

Genau, das hat uns schon Tell mit seinem überlegten Präzisionsschuss gezeigt. Schweizer und Europäer brillieren mit Kontinuität sowie als Experten. Wer scheitert, bei dem ist die Expertise in Frage gestellt. Amerikaner dagegen sind Macher, die auf revolutionär Neues und auf «trial and error» setzen.

Momentan sind aber eher Innovationen gefragt.

Es geht darum, das Scheitern weder zu beweihräuchern noch zu tabuisieren. Wir sollten eine Kultur der zweiten Chance entwickeln. CEOs, die sich wegen eines Scheiterns das Leben nehmen, sollten es nicht mehr geben müssen.

Und wie kann es zu einem Kulturwechsel kommen?

Wir leben in einer Leistungsgesellschaft mit einer «The winner takes it all»-Mentalität wie in den USA. Zugleich aber haben wir aber auch eine Unsicherheitsvermeidungs-Kultur. Beides zusammen ist Gift. Dessen werden wir uns gerade mehr und mehr bewusst. Und nicht im Scheitern, sondern im Umgang damit liegt die Chance.

Kulturberater

Claus Schreier ist Professor an der Hochschule Luzern, wo er interkulturelles Management lehrt. Zugleich ist er als selbständiger Unternehmensberater in Sachen Kulturunterschiede tätig. ish

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