Aktualisiert 26.03.2017 19:14

So tönts bei einer Herz-OP

«Schere. Schere. Schere. Blau stopp»

Der Schweizer Ärzteverband befürchtet, dass ausländische Ärzte zu wenig gut Deutsch können. Doch was für Gespräche werden im OP-Saal überhaupt geführt?

von
A. Schawalder

20-Minuten-Journalist Adrian Schawalder berichtet über die Herz-OP im Zürcher Triemli-Spital.

Der Schweizer Ärzteverband FMH ist alarmiert: Er befürchtet, dass ausländische Ärzte hier praktizieren dürfen, auch wenn sie unzureichend Deutsch sprechen. Das berge Gefahren: Der Arzt könnte seine Patienten oder Anweisungen seiner Kollegen nicht verstehen. Es könnte zu Todesfällen kommen, warnt der Patientenschutz.

Doch wie anspruchsvoll ist es eigentlich, Gesprächen im Operationssaal zu folgen? Wie viel, wie schnell und worüber wird gesprochen? Wie schwierig dürfte es für eine Person, die der deutschen Sprache nicht zu hundert Prozent mächtig ist, sein, die Unterhaltung zu verstehen? 20 Minuten wollte es genau wissen und war bei einer Herzoperation im Stadtspital Triemli in Zürich dabei.

Eine Operation am offenen Herz

Der Brustkorb des Patienten ist geöffnet. Im Loch liegt das Herz des Patienten offen da und pumpt Blut. Acht Personen sind an der Operation beteiligt. Zwei Chirurgen, darunter Chefarzt Michele Genoni, zwei Anästhesie-Ärzte, die sich um die Medikamenten-Dosierung und Betäubung kümmern, und der Kardiotechniker, der die Herz-Lungen-Maschine überwacht. Dann noch ein Assistent und zwei Zudiener. Sie reichen den Chirurgen das nötige Material, saugen und halten – wenn nötig – die Wunden offen.

Chefarzt: Schere.

Assistierende Ärztin: Das Ypsilon.

Chefarzt: Abgeklemmt.

Assistierende Ärztin: Act ist gut?

Kardiotechniker: Act ist gut.

Assistierende Ärztin: Würde gern an die Maschine.

Kleine Pause.

Assistierende Ärztin: An die Maschine – Anästhesie alles gut?

Anästhesie: Alles gut.

Kardiotechniker: Maschine gut.

Im Hintergrund läuft leise Musik, Radio Swiss Pop. Ein Piepton erklingt jedes Mal, wenn das Herz schlägt.

Genoni zur Assistentin: Haben Sie schon mal ein Herz angefasst?

Assistentin: Nein.

Chefarzt: Machen Sie mal. Fassen Sie sich ein Herz.

Lachen am Operationstisch, die Assistentin berührt vorsichtig das Herz.

Eine Ader des Herzes ist verengt, es kommt nicht genug Blut durch. Das könnte zu einem Herzinfarkt führen. Deshalb soll eine künstliche Blutumleitung verlegt werden. Ausserdem ist eine Herzklappe verkalkt. Sie wird ersetzt.

Das Herz wird gestoppt

In einem ersten Schritt müssen die Chirurgen das Herz vom Blutkreislauf abkoppeln. Die Herz-Lungen-Maschine soll für das Herz das Blutpumpen übernehmen. Die Maschine atmet jetzt für den Patienten.

Die Chirurgen berühren das Herz, schieben es zur Seite und heben es an, während sie die Maschine an das Herz anschliessen. Dabei geben sie knappe Anweisungen. Nur selten werden mehr als drei Sätze gesprochen.

Chefarzt: Alles gut?

Kardiotechniker: Alles gut.

Chefarzt: Gehen Sie in den totalen Bypass.

Kardiotechniker: Gehe in den totalen Bypass.

Chefarzt: Maschine Stopp

Kardiotechniker: Maschine abgestellt.

Chefarzt: Aorta abgeklemmt. Maschine läuft.

Kardiotechniker: Maschine läuft

Chefarzt: Brauche 4-0.

Das Herz steht nun still. Der Piepton, welcher bisher den Herzschlag angezeigt hatte, verstummt. Das Herz ist ganz gelb und leicht in sich zusammengesackt. Dann schneiden die Chirurgen die Aorta auf und entfernen die verkalkte Herzklappe. Folgender Dialog findet über eine Dauer von zehn Minuten statt:

Chefarzt: Schere (legt sie wieder weg)

Chefarzt: Schere (legt sie wieder weg)

Chefarzt: Schere (legt sie wieder weg)

Chefarzt: Blau stopp.

Kardiotechniker: Blau steht.

Chefarzt: Blau läuft.

Kardiotechniker: Blau läuft.

Chefarzt: 21er.

Chefarzt: Tisch neigen.

Die beiden Chirurgen setzen die Prothese erfolgreich ein. Dann aber: eine unerwartete Blutung. Sie wird aber schnell gestillt. Das Team bringt das Herz wieder zum Schlagen. Der schwierigste Teil ist vorbei. Nun werden Röhren (Drainagen) zur Wunden-Entwässerung durch die Bauchdecke gezogen. Chefarzt Genoni verlässt den Operationssaal, der Brustkorb kann auch ohne ihn geschlossen werden.

Persönliches Fazit zum Ärzte-Sprech

Die Unterhaltungen im Operationssaal waren weniger komplex als erwartet. Zwar gab es einige Begriffe, die ich als Nicht-Mediziner nicht kannte. Ich hätte die Unterhaltung auf Französisch mit meinen eher bescheidenen Kenntnissen nicht viel schlechter verstanden. Allerdings wäre ich bei der Vorbesprechung verloren gewesen.

So sagt denn auch Michele Genoni: «Wenn die Operation gut geplant ist, wissen alle, was sie tun müssen. Es sind keine Diskussionen mehr nötig.» Dadurch könnte er auch eine Operation in einer Fremdsprache durchführen, die er nicht gut spricht. «Während der Vorbereitung gibt es genug Zeit, um sicherzustellen, dass sich alle verstehen.»

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