Aktualisiert 18.01.2017 17:40

38 Jahre im Zürcher Gemeinderat

Scherr sagt dem «Theater Limmatblick» good-bye

Nach 38 Jahren und über 2000 Sitzungen hat sich Niklaus Scherr (AL) aus dem Zürcher Gemeinderat verabschiedet. Politisch werde man aber weiterhin mit ihm rechnen müssen, sagte er.

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Festlich gekleidet ist er zu seiner letzten Sitzung im Zürcher Gemeinderat erschienen: Niklaus Scherr. Der AL-Politiker war während 38 Jahren im Stadtparlament dabei. Das sind über 2000 Sitzungen.

Festlich gekleidet ist er zu seiner letzten Sitzung im Zürcher Gemeinderat erschienen: Niklaus Scherr. Der AL-Politiker war während 38 Jahren im Stadtparlament dabei. Das sind über 2000 Sitzungen.

Keystone/Walter Bieri
Für seine Abschiedsrede erhielt er Standing ovation...

Für seine Abschiedsrede erhielt er Standing ovation...

Keystone/Walter Bieri
...und ganz am Ende wurde es emotional.

...und ganz am Ende wurde es emotional.

Keystone/Walter Bieri

Der 72-jährige Niklaus Scherr, in Riehen BS aufgewachsen, startete seine politische Karriere bei den linksradikalen Progressiven Organisationen der Schweiz (Poch). Im Herbst 1978 rückte er für den verstorbenen Schriftsteller Walter Matthias Diggelmann in den Gemeinderat nach. 1990 war er Mitbegründer der AL, für die er seither im «Mittwochsclub» sass.

Scherr hat im 125-köpfigen Stadtparlament immer den Kreis 4 vertreten, «mein kleines gallisches Dorf Aussersihl». Hier verlaufe das Leben immer noch rauer und ungeschminkter als in Rest-Zürich, sagte er in seiner Rücktrittsrede. Jede Strasse, jeder Platz erzählten von Kämpfen, auch blutigen, erfolgreichen und erfolglosen.

«Hier werde ich immer wieder daran erinnert, dass gesellschaftliche Veränderungen und soziale Verbesserungen nie geschenkt worden sind, sondern immer erkämpft werden mussten und heute mehr denn je verteidigt werden müssen», sagte Scherr weiter.

In seinem Dorf lebten viele Menschen, die im Schatten stünden. Fast die Hälfte von ihnen sei ohne Stimm- und Wahlrecht. «Als einer, der gut artikulieren kann und die Chance zu einer höheren Bildung erhalten hat, habe ich es immer als eine Verpflichtung erachtet, mich für die Rechte der Schwächeren, der Sprach- und Stimmlosen einzusetzen.»

«Politik ist mehr Handwerk als Maulwerk»

Obwohl er gut artikulieren kann, ist für ihn Politik dennoch «mehr Handwerk als Maulwerk». «Am Schluss zählen die Taten, nicht die Worte», zeigte er sich überzeugt. Seine Taten lassen sich durchaus sehen.

Denn Scherr hat das Stadtparlament stark geprägt. Namentlich das Thema Wohnen bewegte den ehemaligen Präsidenten des Zürcher Mieterverbandes. Er war aber auch Mitinitiant der Stadtentwicklungskommission und Verfasser des wohnpolitischen Grundsatzartikels. Dieser verlangt, dass ein Drittel aller Wohnungen gemeinnützig sein soll.

Als eine seiner grössten politischen Niederlagen sieht Scherr den verlorenen Kampf gegen die der Stadt Zürich vom kantonalen SVP-Baudirektor Hans Hofmann vorgesetzte Bau- und Zonenordnung von 1995. Diese gab den Grundeigentümern bei Neubauprojekten fast alle Freiheiten und schränkte den Spielraum der Politik, flankierend etwa gegen Spekulation einzugreifen, massiv ein.

Am Schluss seiner Rede, während der Scherrs Stimme manchmal ins Zittern geriet, erhielt das politische Urgestein von beinahe allen Parlamentskolleginnen und -kollegen stehende Ovationen. Auch von der so gut wie noch selten gefüllten Zuschauertribüne gab es Beifall.

Intelligenz und Sitzleder

Lob gab es auch von oberster Stelle. Laut Stadtpräsidentin Corine Mauch (SP) ist eine Exekutive «froh um eine gescheite Opposition». Dies führe nämlich zu besseren Lösungen.

Scherr habe sich stets mit Intelligenz, Energie und profundem Wissen im Rat eingebracht. Mauch bedauerte, dass es nicht mehr Parlamentarier mit Scherrs Sitzleder gebe. Etwas mehr Kontinuität würde einem Milizparlament gut tun.

Für seinen Einsatz erhielt Scherr unter anderem ein Sackmesser und zwei Kugelschreiber. Zudem wurde er als Gast in die interfraktionelle Gruppe der ehemaligen Gemeinderatspräsidenten aufgenommen. So wolle man bei Scherr Rats-Entzugserscheinungen verhindern, sagte Ratspräsident Roger Bartholdi (SVP). (sda)

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