Arbeitstrend: Schicht schieben, statt von 8 bis 17 Uhr krampfen
Aktualisiert

ArbeitstrendSchicht schieben, statt von 8 bis 17 Uhr krampfen

Über eine halbe Million Menschen in der Schweiz arbeiten bereits im Schichtbetrieb. Und es werden immer mehr. Das hat Konsequenzen - auch für die Gesundheit.

von
Sven Zaugg
Bauarbeiter stehen am Freitag, 25. Januar 2002, bei der Messeturmbaustelle in Basel vor einem Transparent, das sich gegen die Schichtarbeit richtet.

Bauarbeiter stehen am Freitag, 25. Januar 2002, bei der Messeturmbaustelle in Basel vor einem Transparent, das sich gegen die Schichtarbeit richtet.

Am 3. März stimmt Basel-Stadt über längere Ladenöffnungszeiten ab. Luzern hat es bereits getan, ebenso die Zürcher. Die Innerschweizer Stimmberechtigten sprachen sich gegen eine Liberalisierung der Öffnungszeiten aus, auch Zürich sagte Nein. Die Gewerkschaft Unia interpretierte das Votum hernach als «Nein zu einer massiven Verschlechterung der Arbeitsbedingungen für das Verkaufspersonal».

Geht es um unregelmässige Arbeitszeiten, scheint die politische Schweiz einer Meinung. In der ökonomischen Schweiz ist derweil ein anderer Trend zu beobachten: Unregelmässige Arbeitszeiten oder Schichtbetrieb wird das Arbeitsmodell der Zukunft.

2001 verdienten in der Schweiz laut Bundesamt für Statistik (BFS) 359'000 Personen ihr Geld am Wochenende, abends oder in der Nacht. 2011 arbeiteten bereits 540'000 Personen im Schichtbetrieb. Das entspricht einem Plus satten 50 Prozent innerhalb von zehn Jahren. Dabei handelt es sich vor allem um soziale Berufe, Jobs im Gesundheitswesen und in der Industrie, aber auch in Logistik-,Transport-, Verkauf- und Finanzunternehmen schieben Mitarbeitende Schicht.

Augenfällig ist der Anstieg bei Frauen, die Schichtarbeit leisten: 2001 waren es noch 164'000, 2011 bereits 274'000. Das entspricht einer Zunahme von 110'000. Damit arbeiten mehr Frauen im Schichtbetrieb als Männer.

Die Zahlen des BFS sind zwar mit Vorsicht zu geniessen, wie das Amt selbst betont. Schätzungen gehen jedoch davon aus, dass bis zu 20 Prozent der Schweizer Erwerbstätigen Schichtarbeit leisten.

«Normaler» Arbeitstag – ein Auslaufmodell

Der Trend ist eindeutig: Eine Gesellschaft, die nonstop produziert und verkauft und Dienstleitungen rund um die Uhr anbietet, muss sich mit verändernden Arbeitsbedingungen auseinandersetzen. Für Detlef Gürtler vom Gottlieb Duttweiler Institut ist der «normale» Arbeitstag, der von 8 bis 17 Uhr dauert, ohnehin ein Auslaufmodell.

Das hat, so Gürtler, unter anderem mit der Art zu tun, wie wir heute arbeiten: «In einer globalisierten Welt werden Arbeitsprozesse über verschiedene Kontinente koordiniert und Industriebetriebe produzieren rund um die Uhr.» Die Folge: Der «normale» Arbeitstag hat ausgedient; künftig werden sich die Arbeitszeiten noch stärker verändern.

Der Arbeitnehmerschutz indessen hinkt diesen Veränderungen - zumindest teilweise - hinterher. Nicht selten haben Schweizer Unternehmen 2012 die Schichtzulagen gekürzt oder gar ganz gestrichen. Und laut Luca Cirigliano vom Schweizerischen Gewerkschaftsbund hat sich die «eigentlich illegale Unsitte» breitgemacht, dass die Arbeitgeber ihre gesetzliche Pflicht zur Arbeitszeiterfassung nicht erfüllen. Schuld daran seien mitunter die Behörden, moniert er: «Die Einhaltung der Arbeitszeiten wird immer weniger von den zuständigen kantonalen Inspektoraten kontrolliert.»

Betreuung von Kindern wird beeinträchtigt

Verschiedene Umfragen bei Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern haben denn auch ergeben, dass die Schichtarbeit nur von einem Teil der Erwerbstätigen goutiert wird. Als Hauptgrund gaben die Befragten an, das Privatleben leide darunter. Aber auch die Fortbildung werde erschwert oder gar verunmöglicht. Ebenso beeinträchtigt werde die Betreuung von Kindern. Und die teilweise unangemessene Entlöhnung stösst den Arbeitnehmenden sauer auf.

Das Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco) schätzt, dass zirka 20 Prozent die Schichtarbeit aus gesundheitlichen Gründen in der Regel im ersten Jahr verlassen. 70 lernen laut Seco «mehr oder weniger damit umzugehen»; lediglich 10 Prozent schätzen ihre Gesundheit persönlich als «unproblematisch» ein.

Schichtarbeit - ein Gesundheitsrisiko?

vermehrt Schlafstörungen diagnostiziert worden.

Brustkrebs bei Frauen und Prostatakrebs bei Männern gibt. Biologische Ursache könnte die Unterdrückung der Melatoninausschüttung durch in der Nacht beleuchtete Arbeitsräume sein, kommt die Studie zum Schluss. (sza)

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