Kristallhöhlenmord: Schicksal von Brigitte und Karin bewegt bis heute – diese Fragen sind noch offen

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KristallhöhlenmordSchicksal von Brigitte und Karin bewegt bis heute – diese Fragen sind noch offen

Am Sonntag jährt sich zum 40. Mal der sogenannte Kristallhöhlenmord. Bis heute ist der Tod zweier Mädchen ungeklärt. Noch immer sind Fragen offen: hier die wichtigsten drei.

von
Philipp Bürkler
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Das letzte Foto der Goldacher Mädchen, geschossen am 29. Juli 1982 mit der Fotokamera von Brigitte Meier in der Umgebung von Herisau.
Links: Brigitte Meier, rechts: Karin Gattiker

Das letzte Foto der Goldacher Mädchen, geschossen am 29. Juli 1982 mit der Fotokamera von Brigitte Meier in der Umgebung von Herisau.
Links: Brigitte Meier, rechts: Karin Gattiker

Privat
Sie verschwanden am 31. Juli 1982: Karin Gattiker (links) und Brigitte Meier. Die beiden Mädchen unternahmen eine Velotour durch die Ostschweiz.

Sie verschwanden am 31. Juli 1982: Karin Gattiker (links) und Brigitte Meier. Die beiden Mädchen unternahmen eine Velotour durch die Ostschweiz.

 Hier eine nachgestellte Szene aus der Sendung Aktenzeichen XY). Ihre Spur verlor sich…

 Hier eine nachgestellte Szene aus der Sendung Aktenzeichen XY). Ihre Spur verlor sich…

Darum gehts

  • 1982 sind zwei Mädchen aus Goldach nie von ihrer Radtour zurückgekehrt.

  • Der St. Galler Thomas Benz recherchiert seit 40 Jahren zum Kristallhöhlenmord.

  • Noch immer gibt es offene Fragen zum bereits verjährten Fall. 

Am Mittag des 31. Juli 1982 verschwinden bei Oberriet im Kanton St. Gallen zwei Mädchen aus Goldach SG im Alter von 15 und 17 Jahren während einer Fahrradtour spurlos. Gut drei Monate später werden die Leichen von Brigitte und Karin bei der nahegelegenen Kristallhöhle gefunden. Bis heute ist nicht klar, wer für den Tod der Mädchen verantwortlich ist und was an jenem letzten Julitag im Jahr 1982 genau passiert ist.

Obwohl die Tat seit 2012 verjährt ist, sucht der St. Galler Thomas Benz bereits seit 40 Jahren nach Gerechtigkeit. Er selbst war damals sieben Jahre alt, der Fall lässt ihn seither nicht mehr los. «Es kann nicht sein, dass der Tod zweier Mädchen in Vergessenheit gerät.» Zusammen mit einem Juristen und einem Privatdetektiv, versucht er das zu schaffen, was die Polizei 30 Jahre lang nicht geschafft hat; den Fall zu lösen.  Noch heute gebe es neue und offene Fragen, erklärt Benz. Hier die wichtigsten drei:


1) Wer hat die beiden Fahrräder bewegt?

Als die beiden Mädchen am Mittag des 31. Juli 1982 mit ihren Velos an der Kreuzung in Kobelwies standen, fuhr eine Familie mit dem Auto an ihnen vorbei. Diese Familie hat die Mädchen als letzte lebend gesehen. Am Abend desselben Tages passierte die in der Nähe wohnende Familie erneut die Kreuzung mit dem Auto. Die Mädchen waren nicht zu sehen, lediglich ihre Fahrräder, die verlassen gegen die Bäume am Waldrand angelehnt waren. Offiziell entdeckt wurden die beiden Velos erst am Tag danach, also am 1. August 1982, nachdem die Eltern der Mädchen diese als vermisst gemeldet hatten. Frappant: Am anderen Tag lagen die Velos nicht mehr bei den Bäumen, sondern standen gemäss Polizeiakte am Strassenrand. Irgendjemand muss die Velos in der Nacht bewegt haben, nur wer?

Unterschiedlich wurden die Velos auch in den Medien abgebildet. Während im August 1982 die Tagesschau des Schweizer Fernsehens die zwei Fahrräder liegend zeigte, waren sie ein Jahr später bei Aktenzeichen XY stehend zu sehen. Die Tagesschau-Sequenz wurde von der Polizei aufgezeichnet und dem Sender zur Verfügung gestellt. Die XY-Redaktion hielt sich filmisch streng an die Polizeiakten. Wenn in den Akten steht, die Räder seien stehend aufgefunden worden, weshalb inszenierte die Kantonspolizei St. Gallen dann für die Tagesschau ein Szenario, das nicht der Realität entsprach? Für Benz immer noch ein grosses Fragezeichen. 

Im Sommer 1983 war der Kristallhöhlenmord Fall Nummer 1 in der Sendung Aktenzeichen XY. Im Film sind die Velos der Mädchen stehend zu sehen. 

SRF, ZDF, ORF

2) Welche Rolle spielte ein silbergrauer Mercedes?

Neben der Theorie, dass die Mädchen zu einem Unbekannten ins Auto gestiegen und ihm zum Opfer gefallen sind, könnte auch ein vertuschter Unfall ein mögliches Szenario sein. Fakt ist, ein damals 17-jähriger Mechaniker-Lehrling hat an der besagten Kreuzung einen silbergrauen Mercedes E 230 mit einem Pferdeanhänger gesehen. Dieses sehr auffällige Modell gehörte damals einem in der Nähe lebenden Architekten. Brisant: Das Fahrzeug wurde zwei Tage nach dem Verschwinden der Mädchen in einer Garage zur Reparatur gebracht. Es soll laut Benz eine Delle auf der rechten Seite sowie eine zerquetschte Türe und Kratzer gehabt haben. Der Fahrzeughalter behauptete zuerst, der Schaden stamme von einem Selbstunfall. Jahrzehnte später soll es dann ein Parkschaden gewesen sein, den ihm ein Unbekannter zugefügt hätte. Erstaunlich: Die Fahrräder wurden von der Polizei nie auf Lackschäden einer möglichen Kollision untersucht.

Interessant ist auch die Tatsache, dass die Mädchen neun Wochen nach dem Verschwinden nahe der Kristallhöhle auf dem Grundstück des Architekten gefunden wurden. «Wer verzweifelt Leichen beseitigen will, fährt mit ihnen nicht kilometerweit, sondern versucht das Problem sofort zu beseitigen, das sagten mir auch Kriminalpsychologen», erklärt Benz.

3) Welche Rolle spielte ein suspendierter Beamter?

Eine merkwürdige Rolle spielte auch ein damaliger Beamter der Kantonspolizei St. Gallen. Der Wachtmeister stand unter Verdacht, der Ehefrau des Architekten wichtige Informationen zum Fall zugespielt zu haben. Auch soll er fragwürdige Zeugenaussagen unterschrieben haben, teilweise erst Monate nachdem die Aussagen gemacht wurden. Die Behörden überwachten daraufhin sein Telefon. In der Folge wurde er vom Dienst suspendiert und angeklagt. Ab Ende der 80er-Jahre verlief die Anklage gegen ihn jedoch im Sand. Hat der Wachtmeister versucht, den Architekten zu schützen? Hat der Architekt einen Unfall vertuscht? Viele Fragen sind noch immer offen.

Nachdem der Kristallhöhlenmord 2012 juristisch verjährt war, vernichtete die Polizei sämtliche Asservate, also alle Beweismittel. Das macht es für Thomas Benz zusätzlich schwierig, den Täter noch eindeutig zu identifizieren, weil ein Vergleich mit seinen Recherchen und den Polizeiakten nicht mehr möglich ist. Benz ist sich aber sicher: «Die Person, die für die Tat verantwortlich ist, ist sehr intelligent vorgegangen und muss in der Region grossen Einfluss gehabt haben.»

Politisch sind derzeit mehrere Vorstösse im Gang, die 30-jährige Verjährungsfrist bei Mord in der Schweiz aufzuheben. Im Fall Brigitte und Karin wird das nichts mehr bringen. Der Tod der beiden Mädchen bleibt rechtlich wohl ungeklärt und ungesühnt.

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