«Bipolare Störung» : Schicksal von Prinzessin Latifa – wie Dubais Herrscher die UNO austrickste
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«Bipolare Störung» Schicksal von Prinzessin Latifa – wie Dubais Herrscher die UNO austrickste

Seit Monaten gibt es kein Lebenszeichen von Sheika Latifa, der Tochter von Dubais Emir. Neue, verstörende Videoaufnahmen lassen nun die UNO aktiv werden. Allerdings führten Sheik Mohamed und seine Frau die damalige UN-Hochkommissarin bereits 2019 hinters Licht.

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«Ich wurde schrecklich hinters Licht geführt», sagt Mary Robinson, ehemalige UN-Hochkommissarin für Menschenrechte, über dieses Mittagessen vom Dezember 2019. 

«Ich wurde schrecklich hinters Licht geführt», sagt Mary Robinson, ehemalige UN-Hochkommissarin für Menschenrechte, über dieses Mittagessen vom Dezember 2019.

AFP
Prinzessin Haya (im Bild) hatte Robinson damals zum Essen mit Sheika Latifa eingeladen, damit sie sich von deren Wohlbefinden überzeugen konnte. Zuvor erzählte sie der UN-Menschenrechtskommissarin, Latifa leide …

Prinzessin Haya (im Bild) hatte Robinson damals zum Essen mit Sheika Latifa eingeladen, damit sie sich von deren Wohlbefinden überzeugen konnte. Zuvor erzählte sie der UN-Menschenrechtskommissarin, Latifa leide …

REUTERS
… unter einer bipolaren Störung und müsse deswegen möglichst von der Öffentlichkeit abgeschirmt werden. Die Störung wurde gemäss BBC nie diagnostiziert. 

… unter einer bipolaren Störung und müsse deswegen möglichst von der Öffentlichkeit abgeschirmt werden. Die Störung wurde gemäss BBC nie diagnostiziert.

Handout Vereinigte Arabische Emirate

Es ist das erste Lebenszeichen von Sheika Latifa seit langem – doch auch die Videos, die die Tochter des Emirs von Dubai in ihrer mutmasslichen Gefangenschaft zeigen, sind bereits wieder Monate alt. Darin berichtet die 35-Jährige, wie sie eingesperrt und überwacht in einer Villa in Dubai um ihr Leben fürchtet.

Die von der BBC ausgestrahlten Aufnahmen haben für Schlagzeilen gesorgt und die UNO aufgerüttelt. Die Vereinten Nationen in New York teilten mit, dass die UN-Arbeitsgruppe für erzwungenes Verschwinden sich die Sachlage anschaue und man die Vereinigten Emirate dazu befragen werde. Auch der britische Aussenminister Dominic Raab zeigte sich besorgt und erklärte, Grossbritannien werde die Fortschritte der UNO aufmerksam verfolgen. Angesichts der verstörenden Videos wollten «die Leute jetzt wissen, ob sie am Leben ist und dass es ihr gut geht».

Mittagessen auf internationalen Druck

Das hat in der Vergangenheit jedoch wenig gebracht – vielmehr hatte sich die UNO von Dubais Herrscherfamilie 2019 regelrecht vorführen lassen. Denn als Sheika Latifa im Februar jenes Jahres erfolglos versuchte, aus Dubai zu fliehen, wusste während der folgenden zehn Monate niemand etwas über ihr Schicksal. Zwar versicherte Sheik Mohamed mehrfach, seine Tochter sei «in der liebenden Fürsorge ihrer Familie», dennoch gerieten die Vereinigten Emirate international zunehmend unter Druck: So verlangte die UNO einen Beweis dafür, dass Latifa noch am Leben sei – ansonsten werde man offiziell verlauten lassen, die UNO befürchte, dass die Prinzessin tot sei.

Daraufhin meldete sich die sechste, jüngste und mittlerweile von Sheik Mohamed geschiedene Ehefrau, Prinzessin Haya, bei Mary Robinson. Sie lud die damalige UN-Hochkommissarin für Menschenrechte ein, mit Latifa und ihr zu essen. So könne Robinson sich vergewissern, dass es der Tochter des Sheiks gut gehe.

UN-Hochkommissarin: «Wurde schrecklich hinters Licht geführt»

Heute sagt Robinson über das Treffen: «Ich wurde schrecklich hinters Licht geführt.» Als sie Ende Dezember 2019 in Dubai ankam, setzten Haya und Leibärzte der Familie die UNO-Vertreterin über eine angebliche Krankheit der Sheika in Kenntnis: Latifa leide an einer bipolaren Störung und müsse deswegen vor dem Rampenlicht der Öffentlichkeit geschützt werden.

Beim folgenden Mittagessen sei über alles gesprochen worden – Umweltthemen, Skydiving, Robinsons neues Buch – aber nicht über sie und ihren Zustand, wie Latifa in den neuen Videoaufnahmen berichtet. «Wir sprachen nicht über mich oder meinen Fall. Ich wusste nicht einmal, dass Robinson UN-Hochkommissarin für Menschenrechte war».

Keine Fragen wegen «bipolarer Störung»

Zu BBC sagt Robinson, dass sie Latifa nicht um ein Gespräch unter vier Augen gebeten habe. Sie habe «nicht gewusst, wie ich mich gegenüber jemanden mit einer bipolaren Störung verhalten soll. Ich wollte nicht, dass ich durch meine Fragen ein allfälliges Trauma verstärke».

Dass sie instrumentalisiert worden und einer Lüge aufgesessen war – Latifa leidet gemäss BBC nicht unter einer bipolaren Störung – dürfte Robinson aber schnell klar geworden sein. Neun Tage nach dem Lunch zu dritt veröffentlichte die Presseabteilung des Sheiks Fotos, von denen Robinson angenommen hatte, dass sie für den privaten Gebrauch gemacht worden seien.

Kein Kommentar

«Es war alles arrangiert. Es war, als hätten sie mich reingelegt», erinnert sich Sheika Latifa an jenen Tag. Für sie sollte sich nichts ändern: Nach dem Essen wurde sie zurück in ihre «Gefängnisvilla» gebracht. Für ihre Stiefmutter Prinzessin Haya, die ihr eine Krankheit angedichtet hatte, änderte sich innert weniger Monate alles. So floh sie selbst vor Sheik Mohamed und liess sich scheiden. «Wir hatten unrecht», soll sie Robinson anvertraut haben, «ich habe viel herausgefunden.»

Die Regierungen Dubais und der Vereinigten Arabischen Emirate liessen die jüngsten Videos auf Anfrage der BBC unkommentiert.

Amtlich bestätigte Entführungen

Sheikha Latifa bint Mohamed bin Rachid al-Maktoum (35) ist die Tochter des emiratischen Ministerpräsidenten und Emirs von Dubai, Mohamed bin Rashid al-Maktoum. Ihre ältere Schwester Shamsa (38) wurde bereits im Jahr 2000 in Cambridge entführt und nach Dubai zurückgebracht, nachdem sie versucht hatte, sich abzusetzen. Unter anderem die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch hat die Freilassung der beiden gefordert.

Ein britisches Gericht hatte Scheich Mohammed im vergangenen Jahr für die Entführung seiner zwei Töchter und die Einschüchterung einer seiner Ehefrauen verantwortlich gemacht. Das Gerichtsurteil bestätigt Vorwürfe von Prinzessin Haja Bint al-Hussein, einer der Ehefrauen des Scheichs. In einem Fall stellte das Gericht sogar Folter fest.

(gux)

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