ETH-Projekt: Schiffswrack im Genfersee entdeckt

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ETH-ProjektSchiffswrack im Genfersee entdeckt

Zurzeit erforschen zwei russische U-Boote unter der Leitung der ETH Lausanne das Ökosystem des Genfersees. Dabei stossen sie auf spannende Zeitzeugen.

von
jcg

Seit Mitte Juni sind die beiden russischen Zwillings-U-Boote «Mir 1» und «Mir 2» im Genfersee auf Forschungsreise. Die beiden rund 18 Tonnen schweren High-Tech-Geräte werden im Rahmen des Projekts «Elemo» bis Ende August rund 60 Tauchfahrten absolvieren mit dem Ziel, das Ökosystem des Genfersees besser zu erforschen. Dabei tauchen sie bis auf den Grund des grössten Schweizer Sees, der stellenweise über 300 Meter tief ist. Die jeweils zwei Forscher, die pro Fahrt den Piloten begleiten können, richten ihr Augenmerk primär auf die Geologie, Mikrobiologie, Biochemie und Physik des Sees. Doch ab und zu entdecken sie in den Tiefen des Léman auch Erstaunliches, dass so gar nichts mit ihrer Forschungsaufgabe zu tun hat.

So tauchte am 14. Juli vor den Bullaugen eines der U-Boote in 220 Metern Tiefe plötzlich das Wrack eines Frachtkahns auf, wie die Westschweizer Zeitung «Le Temps» in ihrer Dienstagsausgabe berichtete. Um welches Schiff es sich dabei handelt, bleibt vorerst ein Rätsel. Carinne Bertola, Kuratorin des Musée du Léman in Nyon, hat die Aufnahmen vom Seegrund bereits gesichtet. Die ausgewiesene Expertin für Wracks im Genfersee kann das Boot ohne Kennzeichen keinem bekannten Untergang zuordnen. Aufgrund der Aufnahmen hat sie jedoch bereits eine sehr detaillierte Beschreibung des Wracks angelegt. Sie beschreibt es gegenüber «Le Temps» als Arbeitsboot von sehr einfacher Konstruktion, das stark einem Ledischiff oder Nauen gleiche.

Fundort ist geheim

Sie schätzt, dass das rund 30 Meter lange Schiff Ende des 19. oder Anfang des 20. Jahrhunderts im Einsatz stand. Ob es dampf- oder motorgetrieben war, ist unklar, wobei die sichtbaren Aufbauten eher auf Letzteres schliessen lassen. An Bord sind viele Ausrüstungsgegenstände sichtbar, erklärt Bertola, «eine Schiffswinde, ein Draggenanker, wie er eher auf Segelschiffen eingesetzt wurde, viele Ketten, ein kleiner Kamin oder Auspuff, Teile der Takelage, eine verbogene Seilwinde aus Metall und ein seltsam demoliertes Ruderrad».

Dass an Bord des Wracks noch so viel Ausrüstung vorhanden ist, wertet Bertola als Zeichen dafür, dass das Schiff während eines Einsatzes untergegangen ist, obwohl keine Spuren einer Kollision oder sonst eine Ursache für den Untergang sichtbar sind. «Damals hat man üblicherweise so viel Material wie möglich wiederverwertet», so die Expertin, die sich jetzt daran macht, das Rätsel um das neu entdeckte Wrack zu lösen. Einfach wird es nicht. Der U-Boot-Crew war es aufgrund ihres dichtgedrängten Forschungsprogramms nicht möglich, die Umgebung des Wracks nach weiteren Hinweisen auf dessen Herkunft abzusuchen. Wo das Wrack genau liegt, wird aus Sicherheitsgründen übrigens noch nicht verraten, obwohl es angesichts der Tiefe eher unwahrscheinlich ist, dass sich Hobbytaucher daran vergreifen.

Der versunkene Frachtkahn ist nicht das erste Wrack, dass die russischen Unterseeboote im Genfersee besucht haben. Am 14. Juni tauchten sie mit geladenen Gästen zum 1982 entdeckten Dampfschiff «Rhône» ab, das in 290 Metern Tiefe zwischen Lausanne und dem französischen Evian liegt. Die «Rhône» sank 1883 in einer stürmischen Novembernacht nach der Kollision mit dem Dampfschiff «Cygne». Elf Passagiere und drei Besatzungsmitglieder verloren damals ihr Leben. Ob sich bis zum Ende der Tauchfahrten am 20. August noch weitere Begegnungen mit bekannten oder unbekannten Wracks ergeben, wird sich zeigen. Man darf gespannt sein.

«Mir»-U-Boote am Genfersee

Dokumentation zum Projekt «Elemo» in französischer Sprache (Quelle: YouTube/Elemo)

Projekt «Elemo»

Die Tauchfahrten der «Mir»-U-Boote sind Teil des Projekts «Elemo» (Exploration des eaux lémaniques). Mehrere Forscherteams sollen dabei das Ökosystem des Genfersees besser erforschen. Beteiligt sind neben der ETH Lausanne (EPFL), die das Programm leitet, auch die Universitäten Genf und Neuenburg, das Wasserforschungsinstitut EAWAG sowie Institute aus Frankreich, Grossbritannien, Russland und den USA.

Untersucht wird etwa, wo sich Mikroverschmutzungen, die zu klein sind, um von den Kläranlagen abgefangen zu werden, innerhalb des Sees ablagern. Auch beschäftigen sich die Forscher mit Mikroorganismen und Bakterien. Zudem werden die Forscherteams die Sedimentablagerungen im See, Unterwasserströmungen sowie die Topographie des Sees unter die Lupe nehmen. Die Erkenntnisse sollen es erlauben, den See, der über 500 000 Menschen als Trinkwasser-Reservoir dient, besser zu schützen. Das ganze Projekt dauert voraussichtlich fünf Jahre.

Unterstützt wird das Vorhaben von der in Saint-Prex VD ansässigen Firma Ferring Pharmaceuticals mit drei Millionen Franken und vom Honorarkonsulat der Russischen Föderation mit einer Million. Russischer Honorarkonsul in Lausanne ist übrigens Frederik Paulsen, der Besitzer von Ferring. Er schätzt die Arbeit der U-Boote und finanziert immer wieder deren Einsätze, so auch die spektakuläre Reise der «Mir 1» 2007 unter das Eis am geografischen Nordpol.

Insgesamt existieren weltweit vier «Mir»-U-Boote. Sie waren es auch, die für den Film «Titanic» die Bilder des legendären Wracks lieferten. Der russische Name «Mir» der U-Boote bedeute übersetzt «Friede». (jcg/sda)

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