Publiziert

Aggressive Jugendliche«Schläger brauchen nicht immer einen Grund»

Zwei Teenager haben am Freitag zwei Personen bewusstlos geschlagen. Experten erklären, weshalb Junge die Kontrolle über sich selbst derart verlieren können.

von
vro
Warum Junge auf ihre Mitmenschen einprügeln, kann laut den Experten viele Gründe haben. Alkohol fördert die Gewaltbereitschaft zusätzlich.

Warum Junge auf ihre Mitmenschen einprügeln, kann laut den Experten viele Gründe haben. Alkohol fördert die Gewaltbereitschaft zusätzlich.

Ein Unterhaltsarbeiter wurde am Freitagmorgen in Winterthur von einem 17- und einem 18-Jährigen mit Faustschlägen und Fusstritten verprügelt. Er hatte zuvor einen der beiden Jugendlichen zurechtgewiesen, weil dieser öffentlich uriniert hatte. Kurze Zeit später schlugen die beiden in der Altstadt auf einen weiteren Mann ein.

Der Grund für diese Tat ist bisher unklar. Die Stadtpolizei Winterthur konnte die beiden kurz nach den Vorfällen verhaften und der Kantonspolizei übergeben. Die Opfer erlitten bei den Angriffen Schürfwunden und Blutergüsse, wie die Kantonspolizei Zürich am Samstag in einer Mitteilung schrieb.

Doch was bewegt jemanden dazu, ohne triftigen Grund auf andere einzuschlagen? «Das hängt stark vom einzelnen Fall ab», sagt Thomas Richter, Leiter vom Schweizerischen Institut für Gewaltprävention. «In einer Gruppe – und die kann auch aus zwei Personen bestehen – fühlen sich manche Jugendliche zum Beispiel weniger verantwortlich für eine Tat. Die anderen machen ja auch mit.» Einige befürchteten, ihr Image vor ihren Kollegen zu verlieren, andere suchten den Nervenkitzel. Manche Jugendliche wollten sich wiederum selbst spüren. «Das braucht manchmal solche Extremsituationen», so Richter.

«Ein lautes Opfer ist ein ungünstiges Opfer»

Je gewalttätiger ein Mensch sei, desto mehr sehe er sich selbst als Opfer. «Aus Selbstschutz suchen solche Leute die Schuld immer beim anderen, egal wie schlimm die Situation ist.» Das erkläre, warum Gewalttäter nur selten von sich aus Hilfe suchten.

Um Gewaltangriffen aus dem Weg zu gehen, rät Richter, auf das Bauchgefühl zu hören. Habe man in einer Situation ein ungutes Gefühl, distanziere man sich besser. Bei manchen könne eine Zurechtweisung provozieren. Habe es jemand auf einen abgesehen, solle man sich in eine Menschenmenge begeben und sich verbal und möglichst laut von einem Streit distanzieren. «Ein lautes Opfer ist für Schläger ein ungünstiges Opfer», so Richter.

«Es braucht nicht immer einen Grund»

Cornelia Bessler, Chefärztin Kinder- und Jugendforensik beim Kinder- und Jugendpsychiatrischen Dienst der Uni Zürich, sieht auch die leichte Reizbarkeit der Jugendlichen in der Pubertät als möglichen Beweggrund, auf Mitmenschen einzuschlagen. «Zudem verdoppelt sich zwischen dem 10. und dem 17. Lebensalter die Muskelmasse der jungen Männer, diese wollen sie dann ausprobieren und erleben.» Auch Bessler rät, sich insbesondere einer Gruppe von gewaltbereiten Jugendlichen nicht allein gegenüberzustellen.

Für den Jugendpsychologen Allan Guggenbühl spielt auch Alkohol bei gewalttätigen Angriffen eine Rolle. Dann könne es vorkommen, dass Jugendliche ihre Aggressionen nicht mehr unter Kontrolle hätten. «Es braucht nicht immer einen spezifischen Grund», so Guggenbühl. «Sind gewaltbereite Junge in einer gewissen Stimmung, denken sie nicht mehr.» Selbst die kleinste Bemerkung könne dann als Provokation verstanden werden. Guggenbühl rät, sofort die Polizei hinzuzuziehen. «Zum Teil kann man aber schlicht nichts machen.»

Deine Meinung

Fehler gefunden?Jetzt melden.