Wohlen AG: Schlagabtausch um Bahnhof-Schlägerei
Aktualisiert

Wohlen AGSchlagabtausch um Bahnhof-Schlägerei

Der Angriff auf vier junge Schweizer am vergangenen Samstag sorgt für neuen Wirbel: Die Aargauer Kantonspolizei dementiert Opfer-Aussagen – diese kontern.

von
gbr
Hier, am Bahnhof Wohlen AG, kam es in der Nacht vom 2. auf den 3. April 2016 zu einer Schlägerei. Über deren genauen Verlauf wurden verschiedene Aussagen gemacht.

Hier, am Bahnhof Wohlen AG, kam es in der Nacht vom 2. auf den 3. April 2016 zu einer Schlägerei. Über deren genauen Verlauf wurden verschiedene Aussagen gemacht.

Kein Anbieter/Voyager/Wikipedia

Die Geschichte, die die 18-jährige F.H.* am vergangenen Sonntag erzählte, schockierte. H., ihre Freundin und zwei Kollegen seien kurz vor Mitternacht am Bahnhof Wohlen AG von einer Gruppe von Eritreern eingekreist worden. Die jungen Männer, angeblich zwölf bis fünfzehn an der Zahl, hätten den Frauen zuerst nachgepfiffen, seien dann über die Geleise gerannt und hätten die vier eingekreist – dann sei es zu einer brutalen Schlägerei gekommen.

Sie erinnere sich an folgende Szene, hatte H. zu 20 Minuten gesagt: «Sie warfen meinen Kollegen auf das Gleis, kickten ihn weiter, nahmen Schottersteine, und damit schlugen sie ihn immer wieder, gegen den Kopf, überall.» Die Schlägerei, bei der der zweite, jüngere Kollege, leicht verletzt worden sei, wurde laut H. von vielen Menschen beobachtet – doch niemand habe etwas unternommen, nicht einmal die Polizei alarmiert. Die Polizei bestätigte gegenüber 20 Minuten, einen Anruf eines Opfers erhalten zu haben wegen einer Schlägerei am Bahnhof Wohlen AG. Weiter hatte sie bestätigt, dass sie gegen 1.40 Uhr drei Eritreer in Villmergen verhaftete.

«Offenbar übertriebene Schilderungen»

Wie die «Aargauer Zeitung» am Freitag schrieb, sei die Attacke – «offenbar aufgrund übertriebener Schilderungen von Zeugen» – in den Medien übertrieben brutal dargestellt worden: «Es hat sich nicht alles so zugetragen, wie berichtet worden ist», so Kapo-Sprecher Roland Pfister zur Zeitung. Weder sei weder jemand spitalreif geprügelt, noch aufs Gleis geschleudert worden. Pfister: «Die Opfer haben leichtere Verletzungen wie Prellungen erlitten».

Die drei Eritreer wurden mittlerweile wieder aus der Untersuchungshaft entlassen – das Verfahren gegen sie ist noch nicht abgeschlossen. «Laut unserem Erkenntnisstand lag keines der Opfer auf den Geleisen und es wurde dort auch nicht mit Schottersteinen auf die Köpfe der Opfer eingeschlagen. Die genauen Umstände müssen nun aber im Rahmen der Strafuntersuchung geklärt werden», sagt Sandra Zuber, Sprecherin der Staatsanwaltschaft des Kantons Aargau.

Zwei Verletzte nach der Schlägerei

Das Verfahren sei «gegen mittlerweile sechs Beschuldigte wegen Angriff und Körperverletzung eröffnet» worden, so Zuber. «Zurzeit führt die Staatsanwaltschaft ein Strafverfahren gegen 6 Eritreer.» Zur Schwere der Verletzungen der Opfer – zwei der Angegriffenen seien verletzt worden – sagt die Sprecherin: «es handelte es sich um Prellungen, Schürfungen und Nasenbluten.»

20 Minuten hat am Freitag bei zwei der Opfer vom vergangenen Samstag nachgefragt. Zur Erinnerung: Am Sonntag nach der Tat hatte 20 Minuten mit F. und ihrer Mutter* gesprochen. Der Kantonspolizei hat 20 Minuten den Fall so erzählt, wie ihn die Frauen erzählt hatten, worauf die Polizei bestätigte, dass es zu einer Schlägerei am Bahnhof Wohlen AG und nach dem Notruf durch eines der Opfer zur Verhaftung der drei mutmasslichen Täter, alle drei eritreischer Herkunft, in Villmergen vor dem Restaurant Ochsen gekommen sei.

Das sagen die Opfer eine Woche später

20 Minuten hat bei zwei der Opfern am Freitag nach der Attacke nachgefragt, was es mit den Aussagen der Polizei und der Staatsanwaltschaft auf sich hat. F. hält fest, sie sei von den Aussagen der Polizei «enttäuscht», schliesslich sei ihr und ihren Freunden Schlimmes zugestossen. Aber haben die Angreifer ihren Kollegen wirklich auf die Geleise geworfen und mit Steinen traktiert? «Sie haben es versucht, und er war mit einem Bein schon fast auf dem Geleise», räumt sie ein. An allem Übrigen hält sie fest. Und sie fragt sich: «Warum sind die jetzt schon alle frei?»

Doch es gibt weitere Ungereimtheiten. Am Steuer des Autos sass, anders als von 20 Minuten berichtet, nicht F.s Mutter, sondern ihr Stiefvater B.*, um sie vom Bahnhof abzuholen. Ihm ist es ein Anliegen, zu sagen, die Polizei habe sich in der Tatnacht «positiv verhalten». Nun könne er aber nicht verstehen, warum man so ein Aufhebens um «Details» mache. B.: «Die Polizei erzählt jetzt, die Verletzungen seien nicht so schlimm. Was soll das heissen? Es hätte böse enden können, und meine Stieftochter traut sich nicht mehr auf den Bahnhof!» B. weiter: «Es geht hier darum, dass 12 Männer über Geleise springen, junge Menschen umzingeln und eine Schlägerei anfangen. Man will doch einfach an den Bahnhof können, ohne dass man von Leuten – welcher Nationalität die auch immer angehören mögen – angegriffen wird»

Der Geschlagene, der nicht im Schotter lag

Das Opfer O.*, das laut ersten Aussagen seiner Kollegin F. auf die Geleise geworfen und mit Steinen traktiert worden war, schildert den Beginn der Schlägerei auf Anfrage zu 20 Minuten nun so: «Sie gingen alle auf mich los, schlugen und traten und drückten mich gegen ein Geländer.» Sein Kollege habe versucht, sie von ihm wegzuziehen – da sei auch er angegriffen worden. O.: «Nein, sie haben es nicht geschafft, mich auf das Gleis zu werfen, ich konnte mich gerade noch festhalten.» Allerdings hätten die Angreifer dann Schottersteine aufgehoben «und versucht, mich damit zu schlagen – ich ging auf Distanz und konnte sie abwehren.» Danach hätten sie versucht, ihn die Treppe zur Unterführung herunterzuwerfen. O. sagt: «wenn ich mich nicht am Geländer hätte halten können, wäre das nicht gut herausgekommen.»

Nach dieser Attacke sei die Gruppe in den Bus gestiegen und geflüchtet. Auch O. berichtet von mehreren Zeugen – «die stiegen aber alle in den Zug». Er sei es gewesen, der einige Zeit später die Polizei alarmierte – und nicht F., wie ursprünglich angegeben. Laut Polizeijournal hat nur eine Person den Vorfall bei der Polizei gemeldet. Übereinstimmend sagen O. und F., sie hätten ein Paar am Bahnhof darum gebeten, die Polizei zu alarmieren. «Aber die gingen einfach weg und taten nichts».

Zu seinen Verletzungen, die von F. als «Prellungen und Muskelrisse» beschrieben worden waren, sagt O.: «Ich bin mit Prellungen an Armen und Schulter davongekommen.» Er habe noch in der Sonntagnacht bei der Polizei eine Aussage gemacht. Dann, am frühen Morgen, sei er zur Kontrolle ins Spital – auch um schwere Verletzungen ausschliessen zu können. Zu den Aussagen seiner Kollegin meint er, F. habe wohl einfach nicht alles richtig mitbekommen in all der Aufregung.

*Namen der Redaktion bekannt

In eigener Sache

Die Angaben zweier Hauptzeugen in diesem Artikel – konkret die direkten und indirekten Aussagen des Opfers F. H.* und ihrer Mutter – haben sich seit der Publikation teilweise als übertrieben sowie als unwahr erwiesen. 20 Minuten bedauert diesen Umstand: Beide Frauen wurden befragt, beiden wurde der ganze Text mit ihren Zitaten in direkter und indirekter Rede gezeigt – und beide haben auf Rückfrage bestätigt, es sei alles korrekt.

Die Kapo Aargau, der 20 Minuten den Fall wie hier dargelegt geschildert hatte, bestätigte sowohl das Eingehen eines Telefonats wegen einer Schlägerei am Bahnhof Wohlen AG durch eines der Opfer sowie die spätere Festnahme dreier mutmasslicher Täter in Villmergen vor dem Restaurant Ochsen. (gbr)

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