Aktualisiert 16.03.2017 17:56

ZSC - Lugano

Schlammschlacht im Playoff wegen Trend-Lokal

Der HC Lugano fordert die Absetzung der Einzelrichter Oliver Krüger und Victor Stancescu. Die Tessiner zweifeln an ihrer Unparteilichkeit. Stancescu zog die Konsequenzen.

von
Marcel Allemann
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Gerangel um die Halbfinals: Zwischen den ZSC Lions und dem HC Lugano geht es heiss zu und her.

Gerangel um die Halbfinals: Zwischen den ZSC Lions und dem HC Lugano geht es heiss zu und her.

Keystone/Walter Bieri
In Schieflage: Die Zürcher liegen in der Viertelfinal-Serie gegen die Tessiner mit 2:3 zurück.

In Schieflage: Die Zürcher liegen in der Viertelfinal-Serie gegen die Tessiner mit 2:3 zurück.

Keystone/Ennio Leanza
Der Goldhelm im Fokus: Roman Wick pflegt mit Einzelrichter Victor Stancescu eine geschäftliche Beziehung.

Der Goldhelm im Fokus: Roman Wick pflegt mit Einzelrichter Victor Stancescu eine geschäftliche Beziehung.

Walter Bieri

Die umstrittene und emotionale Viertelfinal-Serie zwischen dem HC Lugano und den ZSC Lions verkommt nun auch noch zur Schlammschlacht. So haben die Tessiner heute Vormittag, wenige Stunden vor dem kapitalen sechsten Spiel, eine neue Provokation lanciert und bei der Liga einen Protest hinterlegt. Sie forderten die Absetzung des Einzelrichter-Duos Oliver Krüger und Victor Stancescu und verlangen, dass ein Richter ad hoc eingesetzt wird.

Zürcher Trendlokal «Stubä» gerät in den Playoff-Fokus

Dies, weil Stancescu und ZSC-Spieler Roman Wick eine Geschäftsbeziehung pflegen. Der HC Lugano zweifelt deshalb an der Unparteilichkeit des Einzelrichter-Duos. Wick und Stancescu sitzen beide im Verwaltungsrat der Brauer Gastro AG, welche im Zürcher Kreis 4 das Trend-Lokal «Stubä» betreibt. Ein auch bei Eishockeyspieler jeglicher Clubzugehörigkeit sehr beliebter Treffpunkt. Vor allem in den Sommermonaten. Auch aktuelle Spieler von Lugano wurden dort übrigens schon gesichtet. Die «Stubä» preist damit, die besten Steak-Sandwiches in der Stadt Zürich zu vertreiben. Diese sind nun dem HC Lugano förmlich im Hals stecken geblieben.

Dass der langjährige Kloten-Stürmer Stancescu, als er nach Beendigung seiner Spielerkarriere die Funktion des Einzelrichter-Stellvertreters antrat, nicht aus dem Verwaltungsrat der Brauer Gastro AG, bei der er sich primär um rechtliche Dinge kümmert, ausschied, ist in der Tat heikel. Genauso heikel ist aber auch, dass er direkt nach seiner Spielerkarriere Einzelrichter wurde und nicht eine Schonfrist von einigen Jahren verstreichen liess.

Stancescu oder Kaufmann: Was ist nun schlimmer?

Denn Stancescu, als Ex-Spieler und Jurist eigentlich der perfekte Einzelrichter, trug auf dem Eis so manches hartes Duell mit Gegenspielern aus. Genauso pflegt er freundschaftliche Beziehungen zu noch aktiven Spielern. Dazu gehören neben seinen langjährigen Kloten-Teamkollegen unter anderem auch die Ex-Klotener Wick und Severin Blindenbacher in Diensten der ZSC Lions. Aber übrigens auch einige Spieler, die aktuell beim HC Lugano unter Vertrag stehen. So sehr es Stancescu auch zuzutrauen ist, dass er professionell und frei von persönlichen Befindlichkeiten richtet, er macht sich mit jedem umstrittenen Urteil angreifbar. Genau dies ist nun geschehen und eigentlich war es nur eine Frage der Zeit. Stancescu zog nach dem aufgekommenen Wirbel umgehend die Konsequenzen und trat per sofort von seinem zurück. Er hatte wegen dem Lugano-Protest keine andere Wahl mehr, aber dass es soweit kommen musste ist trotzdem schade.

Dass es in einem kleinen Land wie der Schweiz immer wieder dazu kommt, dass Amtsträger von unabhängigen Stellen zuvor schon mal mit einem Club oder Spielern in geschäftlicher oder persönlicher Form verbandelt waren, lässt sich indes kaum vermeiden. Auch der HC Lugano ist in eine solche, sehr spezielle Beziehung involviert. Ihr langjähriger Präsident Beat Kaufmann ist inzwischen Schiedsrichter-Chef. Eigentlich eine noch viel delikatere Konstellation, als jene von Stancescu in seiner Funktion als Einzelrichter-Stellvertreter, die es ihm erlaubt, dass er bei Bedarf jederzeit in den Ausstand treten kann.

ZSC Lions nehmen Luganos Forechecking gelassen

Der HC Lugano tat sich schwer zu akzeptieren, dass Severin Blindenbacher für seinen Schubser gegen Linesman Roger Bürgi nach lediglich einer Sperre für Spiel 6 wieder spielberechtigt ist. Doch die Tessiner konnten dagegen nicht juristisch vorgehen, weil Bürgi ja nicht ein Spieler von ihnen, sondern Schiedsrichter ist. Definitiv auf die Palme gebracht hat sie jedoch, dass die ZSC Lions am Mittwoch vom Einzelrichter die nochmalige Beurteilung des Fouls ihres Stürmer Maxim Lapierre an Patrick Thoresen verlangten. Dies war – zumindest offiziell – auch der Auslöser für ihre Intervention.

Vom HC Lugano war keine zusätzliche Stellungnahme zu bekommen. Bei den ZSC Lions sieht man die Nebenschauplatz-Aktivität des Gegners relativ gelassen. «Jeder tut das, womit er denkt, noch etwas beeinflussen zu können», sagt CEO Peter Zahner gegenüber 20 Minuten. Und zum «Fall Lapierre» sagt er: «Wir haben nur die reglementarische Frist ausgenützt, gesetzt haben nicht wir diese.»

Ob es geschickt war vom HC Lugano, diesen Wirbel ausgerechnet wenige Stunden vor Spiel 6 zu lancieren, wird sich weisen. Es muss befürchtet werden, dass die ohnehin schon hitzige Atmosphäre in der Resega nun ausser Kontrolle geraten könnte. Zahner sieht jedoch auch diesem möglichen Problem entspannt entgegen: «Für die Sicherheit ist heute Abend niemand anderes als der HC Lugano zuständig.»

Stancescu tritt zurück

Die Kritik an Victor Stancescus Amt als Einzelrichter hat Konsequenzen. Der 32-Jährige legt sein Amt per sofort nieder, teilt der Verband am Donnerstagnachmittag mit. Stancescu wurde wegen seiner Beziehungen zu Spielern Befangenheit vorgeworfen. (heg)

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