Führungsschwäche: Schlechte Chefs treiben Mitarbeiter ins Burnout

Aktualisiert

FührungsschwächeSchlechte Chefs treiben Mitarbeiter ins Burnout

Nicht Manager, sondern deren Mitarbeiter leiden häufig an Burnouts. Besonders Frauen sind betroffen. Grund ist schlechter Führungsstil.

von
Claudia Landolt
Mitarbeiterinnen in klassischen Büroberufen beklagen sich besonders häufig über Stress, Depressionen und Burnout-Zuständen an ihrem Arbeitsplatz.

Mitarbeiterinnen in klassischen Büroberufen beklagen sich besonders häufig über Stress, Depressionen und Burnout-Zuständen an ihrem Arbeitsplatz.

Manager haben viel Stress. Doch überraschenderweise führt dies bei ihnen vergleichsweise selten zu psychischen Erkankungen wie Depressionen oder Burnouts. In einer Untersuchung des Gallup-Instituts unter 73'639 Berufstätigen aus den USA, der Schweiz und Österreich gaben nur 3,8 Prozent der Manager an, an einer Depression zu leiden. Dagegen litten die Angestellten der Manager am häufigsten unter Stress-, Müdigkeits- und Unruhezuständen. In der Schweiz gaben rund 6 Prozent der Büroangestellten an, unter Stresssymptomen oder gar Depressionen zu leiden. Besonders häufig sind es Frauen.

«Das erstaunt mich nicht», sagt Clivia Koch, Präsidentin der Wirtschaftsfrauen Schweiz. «Frauen sind eher in ausführenden Positionen anzutreffen und neigen zu Perfektionismus.» Auch seien sie oft Machtkämpfen ausgesetzt.

Fehlende Anerkennung und grosser Druck

Ein weiterer Grund: «Frauen bekommen nicht die Anerkennung, die sie verdienen», sagt Clivia Koch. Frauen würden gerne für ihre Leistung gelobt. Ausserdem sei die härtere Wirtschaftslage auch in den klassischen Büroberufen spürbar. «Je schlechter es einem Unternehmen geht, desto härter wird der Führungsstil», so Koch.

Und zwischen schlechtem Führungsstil und ausgebrannten Unterstellten gibt es einen Zusammenhang. In einer Studie des Deutschen Führungskräfteverbandes gaben die 360 Befragten «wachsende Arbeitsverdichtung» und «Termindruck» an. «Fehlende menschliche und soziale Anerkennung durch Vorgesetzte» war der drittwichtigste Grund für Burnout-Fälle.

Frauen sind dienstleistungsbezogen

Damit hätten gerade Frauen Mühe, weil sie sehr dienstleistungs- und personenbezogen seien. Kommt zur mangelnden Anerkennung und dem autoritären Führungsstil noch die Kontrollsucht des Chefs dazu, werde der Stress sehr gross. «Nur wenige Frauen schaffen es, eine E-Mail am Wochenende zu ignorieren», weiss Koch. Sie fühlten sich verpflichtet zu antworten. «Wenn die Kinder schreien, sind die Frauen gleich zur Stelle.» Beim Chef sei das nicht anders.

Die Anforderungen an kaufmännische Jobs sind im Vergleich zu früher zudem deutlich gewachsen. «Auch von Personen auf tieferen Hierarchieebenen wird heute vermehrt erwartet, vernetzt und unternehmerisch zu denken und zu handeln», erklärt Manuel Keller, Leiter Beruf und Beratung KV Schweiz. Die Situation, dass Konflikte, die aufgrund von Führungsschwäche schlecht angegangen werden, in der Tendenz häufiger zu Stresssituationen bei Mitarbeitenden führen, sei bekannt.

Schneller Jobwechsel nicht möglich

«Auch unklare Kompetenzregelungen, Funktionsbeschreibungen, fehlende Anerkennung, überbordende Arbeitslast und Mobbing oder Bossing führen zu Stressbelastungen bei den Mitarbeitenden», so Keller.

Nicht selten haben die Frauen davon irgendwann genug und machen sich selbständig. 2013 wurde jedes vierte Unternehmen laut einer Erhebung der Gründerplattform Startups.ch von einer Frau gegründet. 1993 waren es lediglich fünf Prozent.

Stress in der Schweiz

Weit über eine Million der 4,9 Millionen Arbeitnehmenden in der Schweiz sind im Job übermässig gestresst. Zwei Millionen sind am Arbeitsplatz mehr oder weniger erschöpft. Dadurch entgehen der Schweizer Wirtschaft rund 5,6 Milliarden Franken jährlich. Dies geht aus dem ersten «Job-Stress-Index 2014» der Universität Bern und der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (zhaw). Dabei gelten etwa Zeitdruck, Überforderung, Probleme mit Vorgesetzten und Kollegen als Stressfaktoren. Der Stress ist aber abhängig von der Hierarchiestufe. Personen mit Führungsfunktion berichten über signifikant weniger Job-Stress als Personen, die keine Führungsfunktion innehaben. Führungspersonen haben mehr Entlastung und Handlungsspielraum, also die Möglichkeit, selbst zu bestimmen, wie und wann Arbeitsaufgaben ausgeführt werden. (cls)

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