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Schlechte Noten: Lehrerin ermordet

Acht Mal hatte der 21 Jahre alte Vitali O. auf Isolde F. mit einem Fleischermesser eingestochen und ihr dann den Hals durchgeschnitten.

«Die Kammer hat eine Tat dieses Gewichts bei einem so nichtigen Anlass noch nicht erlebt.» Der Vorsitzende Richter Christian Singelmann klingt auch nach drei Monaten Prozess vor dem Landgericht Lübeck immer noch geschockt darüber, dass eine Lehrerin sterben musste, weil sie einem Schüler eine Fünf gegeben hatte. Auf der Anklagebank nehmen die Brüder Alex und Vitali O. das Urteil am Mittwoch ungerührt entgegen. Acht Jahre und neun Monate schickt das Gericht den jungen Mann dafür ins Gefängnis. Sein jüngerer Bruder muss wegen gemeinschaftlicher gefährlicher Körperverletzung drei Jahre und zehn Monaten in Jugendhaft büssen. Eine Beteiligung am Mord war ihm nicht nachzuweisen.

Der Mord hatte die Kleinstadt Ahrensburg bei Hamburg schockiert. Alex O. galt in der Schule als sehr gut integriert. Sein Bruder hatte eine Lehre als Koch angetreten. Doch die Fassade hielt dem Druck nichts Stand. Alex wollte nach der Realschule als Berufssoldat zur Bundeswehr, sah wegen seiner schlechten Noten im Fach Deutsch bei Isolde F. die Berufspläne in Gefahr. Ausserdem habe er sich schikaniert gefühlt, hatte die Verteidigung im Prozess angeführt.

Doch Richter Singelmann wischt im Urteil solche Entlastungsversuche vom Tisch. Selbst wenn es Schikanen der Lehrerin wirklich gegeben habe: «Was ablief, war schlichter Schulalltag. Dazu gehört es auch, dass Lehrer einen Schüler auf dem Kieker haben und auch einmal ungerecht sind.»

Alex und Vitali sahen das anders, als sie an dem Januarabend bei Isolde F. klingelten. Alex hatte seinen Bruder an der Lehrstelle im Restaurant abgeholt, der ältere Vitali hatte ein Fleischermesser eingesteckt.

Genauer Ablauf liess sich nicht klären

Was sich dann genau abspielte, konnte das Gericht nicht herausfinden. In einem Geständnis zum Prozessauftakt hatte Vitali die Dinge so geschildert: «Die Tat ist vollkommen aus dem Ruder gelaufen», las sein Verteidiger Thomas Elvers damals aus einer Erklärung vor. Vitali habe seinem Bruder vorgeschlagen, «die Lehrerin zu bedrohen, damit sie ihre Schikanen einstellt», sagte er. «Vitali war auch bereit, ihr Schläge zu verpassen.» Dann sei es in der Wohnung zu einer «kurzen und leisen, aber heftigen Auseinandersetzung» gekommen. Isolde F. habe es als Frechheit empfunden, am Sonntagabend in ihrer Freizeit gestört zu werden und Alex verhöhnt: «Du bist ein Verlierer, und das mit der Bundeswehr kannst du vergessen.» Daraufhin sei es zu einem Handgemenge gekommen. Vitali habe sie geschlagen «und stach dann irgendwie zu».

Das Gericht ging ebenfalls nicht von einem kaltblütig geplantem Mord aus, sondern von einem «relativ spontan gefassten Vorsatz», so Richter Singelmann. Nach Einschätzung des Gutachters sei er Haupttäter ein junger, unreifer Heranwachsender, auf den nun lange Erziehungsmassnahmen im Gefängnis warteten.

Auch der jüngere Bruder Alex muss ins Gefängnis, kam aber mit der milderen Verurteilung davon. Als die Brüder zur Wohnung der Lehrerin kamen, habe Alex O. nach den ersten Schlägen seines Bruders die Wohnungstür zugezogen und den Mord dann nicht verhindert, sagt der Richter. Aber ein Mittun am Mord liess sich nicht nachweisen. «Das war meines Erachtens haarscharf», sagt Alex' Verteidiger Patric von Minden. (dapd)

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