Unbewusste Beurteilung?: Schlechtere Noten für Arbeiter-Kinder
Aktualisiert

Unbewusste Beurteilung?Schlechtere Noten für Arbeiter-Kinder

Kinder aus Arbeiterfamilien erhalten bei gleicher Leistung tiefere Noten, so eine Studie. Brisant: Ihre Eltern scheinen sich nicht einmal daran zu stören.

von
Simona Marty

Obwohl sie bei Prüfungen gleich gut abschneiden, werden Schüler aus bildungsfernen Elternhäusern von Lehrern schlechter bewertet. Zu diesem Schluss kommt die Studie «Herkunft zensiert» vom Bildungsforscher Franz Baeriswyl der Universität Freiburg und seinen deutschen Kollegen.

Vor allem bei der Beurteilung, ob ein Kind ins Gymnasium soll oder nicht, sei dieser Effekt besonders ausgeprägt: «Obwohl wir den Grund dafür nicht genau eruieren können, wird sich der Lehrer wohl unbewusst überlegen, welche Hilfeleistungen die Eltern dem Kind im Gymnasium künftig bieten können», so Baeriswyl (siehe Interview rechts).

Beat W. Zemp überraschen diese Ergebnisse nicht. Dass Arbeiterkinder jedoch seltener ins Gymnasium geschickt werden, liegt laut dem Lehrerverbandspräsidenten jedoch an den Eltern. «Eltern aus bildungsnahen Schichten interessieren sich mehr für die Ausbildung ihrer Kinder. Sie fragen bei den Lehrern nach deren Leistungen. So wird der Fokus automatisch verschoben.»

Auch die neusten Erkenntnisse von Baeriswyl unterstützen diese These: So würden Eltern die ungleiche Beurteilung der Lehrer gar nicht als ungerecht wahrnehmen. CVP-Nationalrätin Kathy Riklin sieht darin vor allem eine Begründung: «Diese Eltern kennen unser Schulsystem nicht und können daher nicht richtig einschätzen, was eine falsche Beurteilung für Konsequenzen nach sich ziehen kann.»

«Beurteilung erfolgt unbewusst»

Herr Baeriswyl*, sind unsere Lehrer diskriminierend?

Franz Baeriswyl: Warum Kinder aus bildungsfernen Schichten schlechter benotet werden, ist unklar. Die Beurteilung erfolgt aber unbewusst. Sprachliche Defizite könnten unter Umständen einen Einfluss haben.

Und die Eltern nehmen das einfach so hin?

Es ist erstaunlich, dass Eltern die schlechtere Beurteilung ihrer Kinder nicht als ungerecht einschätzen und hier nichts unternehmen. Möglicherweise erkennen sie den Mehrwert nicht. Um Chancenungleichheiten zu vermindern, müsste man viel mehr die frühe Sprachförderung stärken.

Durch die ungleiche Benotung werden den Kindern aber jetzt Chancen verwehrt, die sozialen Ungleichheiten werden gefördert und der Teufelskreis beginnt ...

In der Schweiz haben wir mit der Berufslehre und der Berufsmatura zum Glück die Möglichkeit, dass Schüler auch ohne Gymnasium an die Hochschule gelangen. Damit wirken wir einer rein elitären Akademikerschicht entgegen.

*Franz Baeriswyl ist Professor an der Universität Fribourg.

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