«Shadow of the Colossus»: Schlechtestes, aber auch bestes Remake aller Zeiten

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«Shadow of the Colossus»Schlechtestes, aber auch bestes Remake aller Zeiten

Der Klassiker «Shadow of the Colossus» hat eine bemerkenswerte Neuauflage erhalten. Das optisch neue Kleid steht dem Game aber nicht nur gut.

von
Jan Graber

Drei Versionen, ein Spiel: der Game-Klassiker «Shadow of the Colossus».

Schaffen Künstler ein Werk, soll es natürlich so lange wie möglich in Erinnerung bleiben. Deshalb sind unzählige Neuauflagen bekannter Pop- und Rockscheiben erschienen, darum werden immer wieder Remakes von Game-Klassikern herausgebracht: Sei es «Doom», «Wolfenstein» oder «Tomb Raider» – ihnen allen wurde in den letzten Jahren mit einem Revival des originalen Spiels neues Leben eingehaucht.

Da Remakes selten etwas wirklich Neues bringen, behandeln wir sie an dieser Stelle meist nur am Rande. Im Fall von «Shadow of the Colossus» mache ich aus zwei Gründen eine Ausnahme: Zum einen zähle ich das originale Game der Japan Studios von Sony zu den herausragenden Werken der Game-Geschichte. Andererseits ist es das beste Remake eines Games. Und das schlechteste.

Atemberaubendes Spiel

Zuerst zu dem, was sich nicht verändert hat: die Geschichte und das Spielprinzip. Ein Held namens Wander unternimmt mit seinem Pferd Agro eine Reise zum verbotenen Tempel der Kolosse, um das tote Mädchen Mono von der dunklen Gottheit Dormin wieder ins Leben zurückholen zu lassen. Dormin willigt ein, wenn Wander 16 Kolosse tötet. Die Warnung: Er selbst würde dafür einen schrecklichen Preis bezahlen. Mit Agro reitet Wander (vom Spieler gesteuert) durch weite, menschenleere Landschaften auf der Suche nach den riesigen Wesen und bringt sie in aufreibenden Kämpfen zu Fall.

«Shadow of the Colossus» raubte mir bei seinem Erscheinen 2006 den Atem: Die leeren, melancholischen Landschaften, das spartanische, doch fesselnde Spielprinzip und vor allem die Mischung aus Freude und Mitleid, wenn ein Koloss fiel – dies alles führte zu Emotionen, wie sie kein anderes Game hervorrief. «Shadow of the Colossus» für die PS2 überschritt die Grenze zwischen Kunst und Unterhaltung.

Für die Neuauflage hat sich das texanische Studio Bluepoint Games unter Mithilfe des SIE Japan Studios ins Zeug gelegt: Das Game nutzt die Grafik-Power der PS4 und bietet einen zuvor nicht vorhandenen Detailreichtum, der einen auf der Suche nach den Riesen immer wieder innehalten lässt. Wo früher kantige Striche, flächige Farben und verschwommene Darstellungen ein Gefühl von Leere und Verzweiflung vermittelten, bewegen sich nun Gräser im Wind, sprudelt Wasser, sind die Felsen moosbewachsen. Die Kolosse tragen statt dürftiger Striche feines Haar, an dem sich der Held hochzieht.

Die Leere ging verloren

Brillanterweise haben die Entwickler die hakelige Steuerung, die grafischen Sprünge beim Besteigen der Riesen, die erratische Kamera und die Möglichkeit, sich endlos in den Weiten zu verrennen, im Spiel belassen. Dieses Wagnis im Zusammenspiel mit dem technischen Ausschöpfen der Möglichkeiten neuer Konsolen macht «Shadow of the Colossus» zu einem der bisher besten Remakes der Geschichte.

Aber auch zum schlechtesten. Wieso wurden nicht gleich auch die Steuerung und die Bedienerfreundlichkeit verbessert? Oder aber umgekehrt: Das originale Spiel lebte gerade von diesen nebligen, unspektakulär grauen Weiten, dem minimalistischen Design und dem Gefühl der immensen Verlassenheit, das die Spielwelt vermittelte – und mitten darin diese traurigen, todgeweihten Riesen. Durch den Detailreichtum der neuen Version geht ausgerechnet dieses stärkste Gefühl des originalen Spiels verloren. Das ist deshalb schade, weil die Entwickler die Kunst dem visuellen Effekt zuliebe geopfert haben, was je nach Perspektive gut oder schlecht ist. Kurz: «Shadow of the Colossus» ist auch in der Neuauflage ein hervorragendes Game.

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