Aktualisiert 07.04.2010 11:50

Video von US-Angriff

«Schlimmstes Dokument seit Abu Ghraib»

Das Video des tödlichen US-Helikopterangriffs in Bagdad im Juli 2007 wirft hohe Wellen. Kritiker sprechen von einem Kriegsverbrechen.

von
Peter Blunschi

Der 12. Juli 2007 war ein chaotischer Tag in Bagdad. Den ganzen Morgen waren US-Soldaten in Kämpfe mit Aufständischen verwickelt. Zwei Apache-Kampfhelikopter mit den Codenamen Crazyhorse 18 und 19 stiegen auf, um den Bodentruppen zu helfen. 40 Minuten nach Beginn des Einsatzes lagen neun Menschen tot auf der Strasse, zwei Kinder waren verwundet worden. Unter den Toten befanden sich zwei Mitarbeiter der Nachrichtenagentur Reuters, der Fotograf Namir Noor-Eldin und der Fahrer Saeed Chmagh.

Lange hatte Reuters vergeblich versucht, Klarheit über den Vorfall zu erlangen. Die Veröffentlichung des unter Verschluss gehaltenen Einsatzvideos auf der Whistleblower-Website «Wikileaks» am Montag brachte eine wahre Lawine ins Rollen. Die verstörenden Bilder und die höhnischen Kommentare der Piloten sorgen für teils heftige Reaktionen. Auf der Website des Magazins «The Atlantic» wird das Video als «schlimmstes Dokument von Missbrauch seit den Folterfotos aus dem Gefängnis Abu Ghraib» bezeichnet.

Verwundeter und Helfer getötet

Ein Aspekt sorgt für besondere Empörung: Der verwundete Saeed Chmagh sollte von zwei Insassen eines Minibusses in Sicherheit gebracht werden, als die Helikopter erneut das Feuer eröffneten. Dabei wurden die drei Männer getötet. Der Analyst des Magazins «The New Yorker» verweist darauf, dass die Regeln des US-Militärs die Beschiessung von Kämpfern verbieten, die sich ergeben oder aufgrund einer Verletzung keine Bedrohung mehr darstellen. Die Genfer Konvention beschütze zudem diejenigen, «die sich um Verwundete kümmern, egal ob Freund oder Feind» - eine Anspielung auf die Insassen des Fahrzeugs.

Vereinzelte Kritiker gehen noch weiter und sprechen von einem «Kriegsverbrechen». Die US-Armee wies den Vorwurf der Verschleierung zurück: «Wir bedauern den Tod von Unschuldigen», sagte ein Sprecher gegenüber CNN. Der Vorfall sei jedoch sofort untersucht worden, es habe «nie den Versuch gegeben, etwas zu vertuschen». Offiziell wollte das Militär die Herkunft des Videos noch nicht bestätigen, ein hochrangiger Vertreter hatte es gegenüber der «New York Times» am Montag für echt erklärt.

«Details nicht zu erkennen»

Am Dienstag bemühte sich das Pentagon um Schadensbegrenzung. Details, die auf einem grossen Bildschirm klar erkennbar seien, könnten von Apache-Piloten im Kampfeinsatz nicht unbedingt erkannt werden, heisst es im offiziellen Untersuchungsbericht: «Die Piloten verfolgen das Geschehen auf einem viel kleineren Monitor, während sie gleichzeitig sicher fliegen und nach feindlichen Kämpfern Ausschau halten müssen.» Betont wurde erneut, dass die beiden Reuters-Mitarbeiter sich nicht als Reporter zu erkennen gaben und ihre umgehängten Kameras mit Kalaschnikows hätten verwechselt werden können.

Reuters-Chefredaktor David Schlesinger betonte, das Militär müsse Lehren aus diesem tragischen Vorfall ziehen. Die Agentur forderte eine umfassende Untersuchung. Der «Atlantic»-Kommentator allerdings warnt: Wie bei Abu Ghraib werde die Versuchung gross sein, die Schuld abzuschieben auf die direkt am Einsatz beteiligten Leute, «die lachten, während sie Menschen niedermähten». Dort aber liege die Verantwortung nicht.

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