Übernahmegerüchte: Schluckt eine Katastrophe die andere?

Aktualisiert

ÜbernahmegerüchteSchluckt eine Katastrophe die andere?

Gerüchten zufolge will ExxonMobil den angeschlagenen BP-Konzern kaufen. Es wäre eine Hochzeit eines wahrlich unfallgeprüften Paares.

von
Othmar Bamert

Die Meldung löste Stirnrunzeln aus. Laut der Londoner «Sunday Times» will der US-Ölgigant ExxonMobil die von der Ölkatastrophe im Golf von Mexiko schwer angeschlagene britische Konkurrenzfirma BP übernehmen. Bereits seien Gespräche mit der US-Regierung in Gang, so die Zeitung.

Es wäre eine äusserst delikate Hochzeit. Denn auch der mögliche Bräutigam steht alles andere als sauber da. Zur Erinnerung: Unter der Exxon-Flagge geschah 1989 die Katastrophe von Exxon-Valdez. Das Tankerunglück vor Alaska galt lange als grösster Ölunfall der Geschichte, bis zur BP-Katastrophe diesen Frühling. Sarkastische Zungen mögen sagen: Eine ähnliche Geschichte, ähnlich unbeliebt – ein ideales Paar.

Die miese Reputation der Brautleute

Dass sich hier zwei vom Schicksal Geschlagene finden würden, zeigt ein Blick auf die Grafiken von RepRisk. Das Zürcher Unternehmen beobachtet laufend die weltweiten Medienmeldungen über Reputationsrisiken von Grossfirmen. Auf ihrer Rangliste der gesammelten Berichte liefern sich beide Ölkonzerne ein Kopf-an-Kopf-Rennen um den Titel als meist kritisierte Firma weltweit. BP belegt dabei gegenwärtig mit einem Indexwert von 70 den Gesamtrang zwei, ExxonMobil Platz drei. Geschlagen wird das Duo Infernale einzig noch vom Neu-Schweizer Unternehmen Transocean. Das ist notabene die Leasingfirma der gesunkenen Ölplattform Deepwater Horizon.

Dass sich um BP die Übernahmegerüchte ranken, ist nur logisch. Denn Katastrophen ziehen zwangsläufig die Aktienkurse in den Keller. Das macht die betroffene Firma für Übernahmen zumindest scheinbar attraktiv. Analyst Daniel Benz von der Zürcher Kantonalbank bestätigt: «Theoretisch ist der Zeitpunkt für eine Übernahme gar nicht schlecht». Denn der reale Wert von BP wird auf rund 260 bis 300 Milliarden Dollar geschätzt, während sich der Aktienkurs seit Beginn der Katastrophe mehr als halbiert hat. Zudem verfüge der US-Gigant ExxonMobil über die Grösse und Kraft, eine solche Übernahme durchzuziehen, so Benz weiter, «und ausserdem haben sich Gross-Übernahmen im Ölsektor in Vergangenheit meist bewährt».

«Ein Stück England würde verkauft»

Trotzdem mag der Analyst gerade dem ExxonMobil-Gerücht nicht glauben. Denn die Hochzeit gäbe auch politisch gründlich zu reden. BP sei ein traditionell britischer Konzern, mit ihm würde auch ein Stück Grossbritannien verkauft – das würde auf den Inseln kaum goutiert. Zuletzt hatten ausserdem sowohl die britische als auch die US-Regierung bekräftigt, kein Interesse an der Zerschlagung von BP zu haben.

Vielleicht kommt auch ein – noch potenterer – Nebenbuhler ins Spiel: «Politisch akzeptierter wäre der Verkauf von BP an die Royal Dutch Shell», so Benz. Das Energie-Unternehmen ist nach Umsatz das weltweit grösste Unternehmen überhaupt, hat den Hauptsitz im holländischen Den Haag und ist im Handelsregister in London eingetragen. Eine europäische Lösung also. Allerdings geniesst Royal Dutch Shell auch keinen guten Ruf – im RepRisk-Ranking belegt der Gigant mit Platz acht ebenfalls einen «Spitzenrang».

Risiko zu gross

Dem tiefen Aktienkurs zum Trotz: Der Analyst beurteilt sämtliche Übernahmegerüchte sehr skeptisch. Denn wie gross das Schadensausmass der noch andauernden Ölkatastrophe tatsächlich sein wird, vermag heute niemand zu sagen. Bereits macht die Schadenssumme von 100 Milliarden Dollar die Runde, für die BP geradestehen soll. Dieses Risiko ist wohl auch für ExxonMobil – trotz ihrer Erfahrung mit Katastrophen – zu gross.

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