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Pressestimmen«Schluss mit Bling-Bling»

Nicolas Sarkozy muss nach fünf Jahren aus dem Elysée-Palast ausziehen und François Hollande Platz machen. Die internationale Presse über den abtretenden und den neuen Staatspräsidenten.

von
kri

Er hatte sich in den Umfragen längst angekündigt, trotzdem haftet dem Sieg François Hollandes in der Stichwahl um die französische Präsidentschaft etwas Historisches an. Schliesslich wurde erstmals seit François Mitterrand wieder ein Sozialist an die Spitze Frankreichs gewählt. «Von der Place de la Bastille über Toulouse bis Bordeaux, überall feiert die Linke den Sieg Hollandes, 31 Jahre nach Mitterrand», schreibt die linksorientierte «Libération». Der konservative «Figaro» hingegen erinnert an Hollandes Forderung noch am Abend seines Siegs, dass die Franzosen ihm auch eine Mehrheit bei den Parlamentswahlen geben sollen.

Auch der deutsche «Spiegel» blickt bereits voraus und prophezeit dem neuen starken Mann Frankreichs harte Zeiten: «Er wird viele Anhänger bitter enttäuschen müssen.» Präsident Hollande habe «einen der schwierigsten Jobs der Welt» gewonnen. Wesentlich optimistischer gibt sich der «Tages-Anzeiger». Die Ängste der Konservativen vor François Hollande seien «ökonomisch gesehen dumm». Sein Wahlsieg komme gerade zur rechten Zeit – denn er mache in Europa den Weg frei für eine «vernünftige Wirtschaftspolitik», die nicht nur auf Sparen beruht.

BBC erkennt Winner-Qualitäten in Hollande

Die «NZZ» sinniert über den raschen Aufstieg Hollandes aus der zweiten Reihe. Noch vor einem Jahr hätten Medien und Politik über die Vorstellung Hollandes im Elysée-Palast gelacht. Die «Frankfurter Allgemeine Zeitung» erinnert an den tiefen Fall Dominique Strauss-Kahns und an die Schwäche Sarkozys - beides Voraussetzungen für den Erfolg Hollandes. Die BBC hingegen glaubt durchaus, Winner-Qualitäten in Hollande entdeckt zu haben: «Intelligenz, Geduld, Beständigkeit, Sympathie und eine versteckte Ader aus Stahl.»

Hollande gewinnt Präsidentschaftswahl

Der «Blick» schliesslich vergleicht das Auftreten des abtretenden und neuen französischen Staatspräsidenten, das unterschiedlicher nicht sein könnte: «Ein schillernder Präsident tritt ab, ein unterschätzter Kandidat tritt an». Oder anders gesagt: «Schluss mit Bling-Bling».

Frankreich lebt über seine Verhältnisse

Auch die «Berner Zeitung» warnt vor den wirtschaftlichen Problemen, die der neue Präsident anpacken müsse. Frankreich lebe über seine Verhältnisse, spreche aber nicht davon, heisst es im Kommentar. «Gerade Hollandes Wahlkampf trug (...) Züge grotesker Realitätsverweigerung.»

Die Westschweizer «Le Temps» stellt in ihrem Kommentar fest, dass Wörter wie Anstrengung oder Opfer im Wahlkampf tabu gewesen seien. Die Wahl von François Hollande sei auch eine Ablehnung des Amtsinhabers gewesen. «Es war weder ein grosser Abend noch ein grosser Sprung. Es war ein Wechsel», bilanziert die Zeitung.

Sarkozy habe seine Wahlniederlage in erster Linie selber verschuldet, schreibt die «Basler Zeitung». Er habe sich selbst in den Mittelpunkt gerückt und sich damit zur Zielscheibe für persönliche Anfeindungen gemacht.

Ob François Hollande mehr als eine Verlegenheitslösung sei, müsse er allerdings erst noch beweisen. «Antisarkozysmus ist vielleicht ein Argument für Wahlen, aber sicher kein Programm.»

Chance verspielt

Nicolas Sarkozy habe seine Chance verspielt, urteilt das «St. Galler Tagblatt». Er habe sich bereits kurz nach seinem Amtsantritt den Ruf eingehandelt, ein «Präsident der Reichen» zu sein. Seine innenpolitische Bilanz sei zu dürftig geblieben.

Hollande hingegen habe die Chance, die sich ihm bot, beim Schopf gepackt. Auf den neuen Präsidenten warteten nun neue Herausforderungen. «Hollande steht vor riesigen Aufgaben.»

Diese Einschätzung teilen die «Aargauer Zeitung» und die «Südostschweiz». Frankreich ziere sich vor notwendigen Reformen, welche andere grosse EU-Staaten bereits beschlossen hätten - etwa Deutschland unter dem sozialdemokratischen Bundeskanzler Gerhard Schröder.

Hollande müsse nun den französischen Arbeitsmarkt modernisieren und den Staatshaushalt sanieren. «Frankreichs neuer Präsident muss zum französischen Schröder werden.» (kri/sda)

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