Gendermedizin - Frauen nehmen Schmerzen anders wahr als Männer
Eine Studie der University of Miami hat untersucht, wie das Schmerzlevel von Frauen und Männern von aussen eingeschätzt wird.

Eine Studie der University of Miami hat untersucht, wie das Schmerzlevel von Frauen und Männern von aussen eingeschätzt wird.

Pexels/Anna Tarazevich
Publiziert

Neue StudieSchmerzen von Frauen werden weniger ernst genommen

Laut einer neuen Studie werden Schmerzen von Frauen und Männern anders wahrgenommen. Warum das schwerwiegende Folgen haben kann.

von
Gloria Karthan

Eine Frau hat Nackenschmerzen. Sie kneift die Augen zusammen, verzieht den Mund und fasst sich an die schmerzende Stelle. Wie stark sind wohl ihre Schmerzen auf einer Skala von 1 bis 100? Und wie stark schätzt du das Schmerzlevel bei gleicher Mimik und Gestik ein, wenn es sich bei der Person um einen Mann handelt? Dieser Frage mussten sich Probandinnen und Probanden in einer Studie der University of Miami stellen, die kürzlich im «Journal of Pain» publiziert wurde.

Die Probandinnen und Probanden schauten Videos von männlichen und weiblichen Personen mit Schulterschmerzen, die verschiedene Übungen durchführen mussten – jeweils mit der verletzten und der unverletzten Schulter. Daraufhin schätzten sie ein, wie hoch der Schmerz der jeweiligen Person im Video war – von 1 (gar kein Schmerz) bis 100 (schlimmstmöglicher Schmerz).

Die Patientinnen und Patienten hatten den Schmerz jeweils vorher selber bewertet, ihre Gesichtsausdrücke wurden ausserdem durch ein sogenanntes Facial Action Coding System analysiert, damit die Forschenden einen objektiven Anhaltspunkt zum Schweregrad der Schmerzen haben.

Stereotype könnten Ursache sein

Als die Forschenden die Einschätzung der Probandinnen und Probanden mit jener des Schmerzlevels verglich, zeigte sich folgendes Bild: Wenn eine weibliche Patientin und ein männlicher Patient denselben Schmerzlevel angegeben hatten, wurde der Schmerz der Frauen von aussen als geringer eingeschätzt. Die Forschenden vermuten, dass Vorurteile für diese Ergebnisse verantwortlich sind.

Wie stark sind die Nackenschmerzen dieser Frau wohl?

Wie stark sind die Nackenschmerzen dieser Frau wohl?

Pexels/Klara Kulikova

Ein Stereotyp laute, dass Frauen ausdrucksstärker seien als Männer – deshalb werde Schmerz von Frauen tendenziell eher unterschätzt, so Elizabeth Losin, eine Autorin der Studie. «Die Kehrseite ist, dass Männer als stoisch wahrgenommen werden. Verzieht ein Mann sein Gesicht, denkt man, er muss extrem schlimme Schmerzen haben.»

Laut Studienergebnis ist es übrigens egal, welches Geschlecht die Schmerzen bewertet. Sowohl weibliche als auch männliche Probandinnen und Probanden nahmen den Schmerz von Frauen weniger ernst als den von Männern. «Unsere Ergebnisse zeigen, dass diese geschlechtsspezifischen Vorurteile nicht unbedingt zutreffen.» Frauen seien nicht ausdrucksstärker als Männer. «Darum sollte ihr Schmerzausdruck nicht abgewertet werden.»

Psychotherapie statt Schmerzmittel

In einem zweiten Experiment wurde der erste Versuch wiederholt, allerdings mit etwas komplexeren Frageboxen mit geschlechtsspezifischen Stereotypen über Schmerzempfindlichkeit, Durchhaltevermögen bei Schmerzen und den Willen, Schmerz zu melden. Die Probandinnen und Probanden sollten ausserdem angeben, wie viele Medikamente oder Psychotherapie-Einheiten (ja, Psycho-, nicht etwa Physiotherapie) sie der Person im Video verschreiben würden und welche Behandlung sie als effektiver beurteilen.

Im Versuch wurden Männern für ihre Nackenschmerzen häufiger Tabletten verschrieben als Frauen.

Im Versuch wurden Männern für ihre Nackenschmerzen häufiger Tabletten verschrieben als Frauen.

Pexels/Anna Shvets

Tatsächlich nannten die Probandinnen und Probanden Psychotherapie häufiger als effektivere Methode für weibliche Patientinnen, während Schmerzmittel als effektiver für männliche Patienten eingeschätzt wurden. Eine Mehrheit wollte Frauen also Psychotherapie gegen Schulterschmerzen verordnen.

Was ist Gendermedizin?

Warum werden Herzinfarkte bei Frauen häufig nicht erkannt? Warum sterben mehr Männer als Frauen an Covid-19? Warum leiden Frauen häufiger unter Nebenwirkungen von Medikamenten? Diesen und anderen Fragen widmet sich die sogenannte Gendermedizin.

Denn das biologische sowie das soziale Geschlecht haben Auswirkungen auf Prävention, Diagnostik, Verlauf und Therapie von Krankheiten. Doch in der Praxis sowie in der Forschung werden die Unterschiede oft vernachlässigt. Immer mehr Studien zeigen, dass ein Universalkonzept in der Erforschung und Behandlung von Krankheiten nicht mehr sinnvoll ist. In der Schweiz gibt es mittlerweile sogar Studiengänge auf diesem Gebiet: Die Universitäten Bern und Zürich bieten Weiterbildungen in Gendermedizin an.

«Kann schlimme gesundheitliche Folgen haben»

In der Praxis bekommen Frauen seltener Behandlungen verschrieben, warnt Losin. Auch in der Fachliteratur gebe es grosse Unterschiede bei der Behandlung von Schmerzen beim jeweiligen Geschlecht. «Das führt zu einer Ungleichheit, weil einige Menschen aufgrund ihrer Demographie bei Schmerzen weniger therapiert werden», so die Forscherin.

Losin und ihr Team hoffen, dass die Studie dazu beträgt, Ungleichheiten zwischen den Geschlechtern im Gesundheitssystem aufzuzeigen und zu verbessern (siehe Box). Laut Losin geht medizinisches Fachpersonal Patientinnen und Patienten anders an. «Im schlimmsten Fall kann es schlimme gesundheitliche Folgen für Frauen haben, deren Schmerzen nicht ernst genug genommen werden.»

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