Günstige Medikamente: Schmerzmittel aus dem Grossverteiler?

Aktualisiert

Günstige MedikamenteSchmerzmittel aus dem Grossverteiler?

Medizinalpräparate wie Nasensprays und Augentropfen sind bei Migros und Co. deutlich günstiger als in der Apotheke. Besonders Aldi sorgte unlängst mit einem Produkt beim Apothekerverband für rote Köpfe.

von
Urs P. Gasche
infosperber.ch

Alleine im Jahr 2010 gingen nach Angaben von Interpharma 86 Millionen Packungen rezeptfreier Medikamente in der Schweiz über den Ladentisch. Ihr Verkaufswert belief sich dabei auf rund eine Milliarde Franken. Von diesem gewaltigen Geschäft haben bisher vor allem Apotheken profitiert: Sie verkaufen fast drei Viertel aller rezeptfreien Pillen (750 Millionen Franken). Die Drogerien sowie Ärzte, die Medikamente direkt an ihre Patienten verkaufen, konnten sich dabei einen Marktanteil von je 12 Prozent sichern (je 120 Millionen CHF). Der Rest entfiel auf die Spitäler.

Aldi stösst in ein Wespennest

Kurz nach Weihnachten haben die Schweizer Aldi-Filialen Päckchen mit 20 Magen-Darm-Pastillen zum Discount- und Aktions-Preis von 4.99 Franken verkauft. Mittlerweile ist der Spuk vorüber – dennoch versetzte er den Apothekerverband Pharmasuisse in helle Aufregung. Sprecher Karl Küenzi warf Aldi eine «Täuschung der Patienten» vor. Und die Medikamenten-Aufsichtsbehörde Swissmedic, die häufig die Interessen der Pharmaindustrie und der Apotheker wahrnimmt, will laut «Blick» «prüfen», ob der Verkauf der Magen-Darm-Pillen über eine Supermarktkette überhaupt erlaubt ist.

Rezeptfreie Medikamente könnten 20

Prozent günstiger sein

Der gleiche Streit um den Verkauf rezeptfreier Medikamente durch Grossverteiler beschäftigt derzeit Österreich. Michael Böheim vom österreichischen Institut für Wirtschaftsforschung sieht keinen Grund, weshalb Supermärkte keine rezeptfreien Pillen verkaufen sollten: «Den Apothekern geht es gut. Ich habe noch keinen zum Konkursrichter gehen sehen.» Um die Preise in Österreich wenigstens auf das immer noch hohe Schweizer Niveau zu senken, hat die in Deutschland und Österreich ansässige Drogeriekette «dm» Medikamente von einer Schweizer Internet-Apotheke bezogen. Im Schnitt lägen in Österreich «zwanzig Prozent niedrigere Preise» drin, erklärte Konzernsprecher Stefan Ornig.

Pharmaindustrie auf Seiten der Apotheken und Drogerien

Um einen Preiskampf zu verhindern, der auch die Preise der Pharma-Hersteller unter Druck brächte, setzen sich Pharmakonzerne gegen den freien, unreglementierten Verkauf ein, unter anderem «um Fälschungen in Zaum zu halten», wie Jan Oliver Huber, Generalsekretär des österreichischen Verbands pharmazeutischer Industrie, erklärte. Allerdings: Aldi, Migros oder Coop können sich nicht erlauben, Fälschungen zu verkaufen.

Die Apotheker-Lobby ihrerseits meint, auch rezeptfreie Medikamente hätten ihre Neben- und Wechselwirkungen und seien «kein Konsumgut wie ein Paar Socken». Apropos Wechselwirkungen: Kaum je fragt ein Drogist oder Apotheker eine Kundin oder einen Kunden, der Aspirin oder ein Magenmittel kauft, welche andern Arzneimittel diese zurzeit auch noch einnehmen.

Und ebenso selten klären Apotheker oder Drogerie-Verkäuferinnen über Nebenwirkungen auf, wenn es bloss um ein rezeptfreies Magen- oder Schmerzmittel geht.

Plakative Werbung erlaubt – freier Verkauf nicht

Für rezeptfreie Medikamente dürfen Pharmafirmen im Fernsehen, Internet und in Zeitungen Werbung direkt ans Publikum schalten. Der Pharmakonzern Bayer zum Beispiel propagiert auf einer eigenen Schweizer Internetseite seine Magen-Darm- und Sodbrennen-Mittel Rennie oder AntraPro (Omeprazol). Sandoz bewirbt Omed gegen Magenbrennen oder Diclac gegen Schmerzen.

Patientinnen und Patienten dürfen sich solche Mittel gegen Schmerzen oder Magenbrennen ohne Arzt selber verschreiben. «Wer mündig genug ist, sich Aspirin zu verschreiben, ist auch mündig genug, selbst zu entscheiden, wo er das Schmerzmittel kauft», meint Michael Böheim vom Wirtschaftsforschungsinstitut.

Migros, Coop und Kioske weniger gefürchtet

In verschiedenen andern Ländern ist der Verkauf solcher Pillen in Supermärkten erlaubt. Es gibt keine unabhängigen Studien, die belegen würden, dass der freie Verkauf zu mehr Problemen führt als der Verkauf in Apotheken und Drogerien.

Schon seit längerer Zeit verkaufen Migros, Coop und die Kiosk-Betreiberin Valora Augentropfen oder Nasensprays. Die Kioske verkaufen insgesamt ein Dutzend Medizinalprodukte, sagt die Valora-Informationsstelle.

Aldi schreckt Pharmafirmen, Apotheken und Drogerien allerdings viel mehr auf. Denn der Discounter bringt die Preise bedeutend stärker unter Druck.

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