Sensation im Asbest-Prozess: Schmidheiny kommt ohne Strafe davon
Aktualisiert

Sensation im Asbest-ProzessSchmidheiny kommt ohne Strafe davon

Das Oberste Gericht Italiens hat im Asbest-Prozess das Urteil gegen Stephan Schmidheiny annulliert. Der Kassationshof in Rom hob das Urteil der Vorinstanz auf.

Der Schweizer Industrielle Stephan Schmidheiny.

Der Schweizer Industrielle Stephan Schmidheiny.

Sensation im Asbest-Prozess in Italien gegen den Schweizer Milliardär Stephan Schmidheiny: Das Oberste Gericht Italiens hat am Mittwochabend in Rom das Urteil der Vorinstanz annulliert und Schmidheiny freigesprochen. Zuvor hatte bereits der Vertreter der Anklage auf Freispruch wegen Verjährung plädiert.

Delikt seit 2006 verjährt

Seinen Antrag auf Annullation begründete Generalstaatsanwalt Francesco Iacoviello damit, dass das Delikt 1986 geendet habe. Damals wurde das letzte italienische Eternit-Werk geschlossen. Damit hätten die Emissionen von Asbest-Fasern in die Umwelt aufgehört. Die Verjährungsfrist beträgt in diesem Fall 20 Jahre. Damit sei das Delikt 2006 verjährt, erklärte Iacoviello.

Diesem Antrag folgten die Richter der ersten Strafkammer des Kassationshofes nun. Sie hoben das im Juni 2013 vom Appellationshof in Turin gegen Schmidheiny verhängte Urteil auf. Dieser hatte den Unternehmer noch zu 18 Jahren Gefängnis und Entschädigungszahlungen in Höhe von 90 Millionen Euro verurteilt. Das Berufungsgericht hatte ihn der vorsätzlichen Verursachung einer bis heute andauernden Umweltkatastrophe für schuldig befunden.

Erleichterung bei Schmidheiny

Schmidheiny-Sprecherin Elisabeth Meyerhans zeigte sich in einer ersten Reaktion gegenüber der Nachrichtenagentur sda überrascht über den Freispruch: «Wir hatten angesichts der Kampagne gegen Stephan Schmidheiny in Italien eine Rückweisung oder eine Bestätigung nicht ausschliessen können.»

Schmidheiny selbst erklärte in einer Mitteilung: «Persönlich habe ich die Gewissheit, dass der frühzeitige Ausstieg aus der Asbestverarbeitung das Wichtigste und Beste ist, was ich als Unternehmer geleistet habe.»

Programm zur Entschädigung wird fortgeführt

Seine Sprecherin zeigte sich befriedigt, dass das Oberste Gericht die Verletzung der Verteidigungsrechte Schmidheinys in den beiden Vorinstanzen nicht akzeptiert habe. Der «massgebliche Artikel 434 auf ein vorsätzliches bis heute dauerndes Desaster» sei vom Berufungsgericht «zurechtgebogen» worden.

Trotz des Freispruchs werde Schmidheiny das Programm zur Entschädigung von asbesterkrankten Anwohnern und Arbeitern sowie deren Hinterbliebenen der vier Eternit-Werke in Italien fortführen, erklärte Meyerhans.

Opfer «nochmals gestorben»

Bei Angehörigen von Asbest-Opfern löste der Freispruch Schmidheinys heftige Reaktionen aus. «Schande, Schande», skandierten einige nach der Urteilsverkündung. Bereits vor Beginn der Anhörung hatten rund 150 Angehörige aus Italien, der Schweiz, Brasilien und Grossbritannien «Gerechtigkeit für die Eternit-Opfer» verlangt.

Vor dem Obersten Gericht hatten sich Vertreter der 15 Zivilparteien für eine Verurteilung eingesetzt. Opferanwalt Sergio Bonetto sagte: «Asbest tötet noch immer: der Höhepunkt bei den Todesfällen wird voraussichtlich erst im Jahr 2025 erreicht sein. Damit dauert die Umweltkatastrophe noch an und ist beileibe nicht verjährt.»

Im Verfahren ging es um nahezu 3000 durch Asbest erkrankte oder an asbestbedingten Krankheiten verstorbene Menschen im Zusammenhang mit den Eternit-Werken in Italien. Die von Stephan Schmidheiny ab 1976 geführte Schweizerische Eternit-Gruppe SEG war von 1973 bis zum Konkurs 1986 zunächst grösster und später Hauptaktionär der Eternit (Italia) SpA. (sda)

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