Flüchtlingskrise: Schmuggler-Agenturen mit All-inclusive-Angebot
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FlüchtlingskriseSchmuggler-Agenturen mit All-inclusive-Angebot

Rabatte für Gruppenreisen, Gesamtpakete, Angebote in jeder Preisklasse: So professionell treten Menschenschmuggler auf.

von
Katrin Moser
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Mit solchen Bildern und dazu passenden Slogans werben Schmuggler-Reisebüros im Sommer 2015 um Kundschaft. Auf unzähligen Facebook-Seiten stellen sie aktuelle Angebote zum Verkauf.

Mit solchen Bildern und dazu passenden Slogans werben Schmuggler-Reisebüros im Sommer 2015 um Kundschaft. Auf unzähligen Facebook-Seiten stellen sie aktuelle Angebote zum Verkauf.

AFP/Karen Bleier
Auf Facebook sind unzählige solcher Reisebüros zu finden. Die Schmuggler stellen ihre aktuellen Angebote vor, beantworten Fragen und stellen Karten ins Netz.

Auf Facebook sind unzählige solcher Reisebüros zu finden. Die Schmuggler stellen ihre aktuellen Angebote vor, beantworten Fragen und stellen Karten ins Netz.

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Zu finden sind Rabatte für Gruppenreisen, Gesamtpakete, Angebote in jeder Preisklasse.

Zu finden sind Rabatte für Gruppenreisen, Gesamtpakete, Angebote in jeder Preisklasse.

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Auf seiner Facebook-Seite hat Ibrahim das Foto eines Boots vor einem Sonnenuntergang gepostet. Dazu steht der Slogan «Auf dem Weg nach Italien kann man Spass haben.» Was angesichts der über 2800 allein in diesem Jahr im Mittelmeer ertrunkenen Flüchtlinge zynisch wirkt, ist ernst gemeint: Ibrahim ist ein Menschenschmuggler.

Ein Journalist der Zeitung «Middle East Eye» hat sich als syrischer Familienvater ausgegeben und mit Ibrahim Kontakt aufgenommen. Er befinde sich zurzeit im türkischen Suruc an der Grenze zu Syrien, die Sicherheit seiner Kinder sei sein oberstes Anliegen.

50-Prozent-Rabatt für die Kinder

Darauf handeln sie ein Gesamtpaket für die Überfahrt nach Europa inklusive der nötigen gefälschten Papiere aus: 10'000 Euro für die gefälschte Papiere für die ganze Familie plus 7500 Euro für die Überfahrt pro Person, mit einem 50-Prozent-Rabatt für die Kinder.

Ein Blick auf Facebook zeigt: Wie Ibrahim versuchen unzählige Schmuggler aus der Not der Flüchtlinge Profit zu schlagen. Ihre Angebote klingen wie diejenigen von professionellen Reisebüros. Da ist von Gruppenrabatten zu lesen, von Geld-zurück-Garantie oder von Aktionen für Schnellbucher. Die Überfahrt für Kinder bis zu einem gewissen Alter ist gratis oder kostet die Hälfte.

«Tägliche Fahrten zu den griechischen Inseln»

Detaillierte Aufstellungen listen die Preise für Fahrten mit einem Dinghi, einem Containerschiff oder einer Touristenjacht an. Auch Flugreisen kann man buchen – die dafür nötigen Papiere wie gefälschte Pässe oder Schengen-Visa sind ebenfalls im Angebot, genauso wie falsche Abschlüsse von Universitäten und Fachhochschulen.

«Ein Flug von Istanbul nach Kanada kostet 18'000 Euro pro Person, nach Grossbritannien 16'000 Euro», steht etwa in einem Post vom 19. September. Details würden bei einem persönlichen Treffen bekannt gegeben – nicht per Internet oder Telefon, heisst es weiter. «Tägliche Fahrten von Istanbul zu den griechischen Inseln», bietet ein anderer Post vom 20. September an.

Ein wachsender Markt

Laut der Risiko-Analyse der Frontex vom April 2015 ist das Schmuggler-Geschäft ein wachsender Markt. Das liege einerseits an der steigenden Nachfrage durch Flüchtlinge und anderseits daran, dass sich bestehende kriminelle Organisationen für das neue Geschäftsfeld interessieren.

Entsprechend stieg auch die Zahl der Schmuggler, die den Grenzschützern ins Netz gingen: Während 2013 laut Frontex noch 7252 Schlepper festgenommen wurden, waren es im Jahr 2014 bereits 10'234. «Middle East Eye» schätzt den Wert des Flüchtlingsschmuggels auf rund 500 Millionen Dollar pro Jahr.

«Syrer sind keine Idioten»

Gleichzeitig sinken die Preise. Grund ist nicht nur die steigende Zahl der Anbieter: «Im Moment machen die Schlepper Verluste, weil viele Leute allein unterwegs sind», sagt ein Mitarbeiter der Adventistischen Entwicklungs- und Katastrophenhilfe Adra in der serbischen Hauptstadt Belgrad zur «NZZ am Sonntag». Nur für die Überfahrt über das Mittelmeer seien die Flüchtlinge nach wie vor auf Schmuggler angewiesen, so der Mann weiter.

Auf ihrer Reise nach Europa orientieren sich die Menschen heute mit ihren Smartphones auf sozialen Netzwerken, wo andere Flüchtlinge ihre Erfahrungen und nützliche Informationen inklusive GPS-Daten posten. Facebook-Sites für «Individualreisende» sind zunehmend beliebt, so der Adra-Mitarbeiter: «Syrer sind keine Idioten.»

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