Aktualisiert 14.07.2012 12:39

Schweizer OpenairsSchnäppchenjagd in der Zeltstadt

Das Openair ist vorbei, Zeit zu gehen. Nicht wenige Festival-Besucher lassen heute ihre Zelte auf dem Gelände zurück. Andere wiederum bedienen sich an der Hinterlassenschaft.

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dwi/jbu

Das Openair Frauenfeld ist am Sonntagabend zu Ende gegangen, doch das Gelände gleicht am Tag darauf einer Geister-Zeltstadt. Viele Besucher machten sich nicht die Mühe, vor der Heimreise ihre Iglus wieder abzubauen. Aus Bequemlichkeit liessen sie ihre Zelte einfach zurück.

Die Wegwerf-Mentalität der einen Besucher rief eine Gegenreaktion der anderen hervor: So wurde das Festival-Gelände in Frauenfeld am Montag nochmals von Dutzenden Schnäppchenjägern durchkämmt, die auf der Suche nach zurückgelassenen Openair-Utensilien waren. «Das brauchbare Material verschwindet jeweils sofort», bestätigt Joachim Bodmer, der Mediensprecher des Openair Frauenfeld. Dieses Phänomen ist auch anderenorts bekannt. Am Openair St.Gallen wissen laut Mediensprecherin Sabine Bianchi mittlerweile ebenfalls einige Besucher, dass es nach Ende der Veranstaltung noch intaktes Material zu holen gibt. «Diese Leute kommen am Montag und streifen durch das Gelände», so Bianchi. Fast identisch tönt es beim Gurtenfestival.

Die Zelte bekommen ein zweites Leben

Die Zelte bekommen dank der Schnäppchenjäger ein «zweites Leben» und fallen nicht den Putztruppen zum Opfer, die kurz danach das ganze Gelände säubern. Was aus ökologischen Gründen sinnvoll erscheint, ist für die Veranstalter teilweise ein Ärgernis. Da sichergestellt werden muss, dass die Materialsammler nur leere Zelte – und nicht etwa Bühnenelemente oder anderes Equipment – vom Gelände mitnehmen, müssen am Gurtenfestival beispielsweise auch an den Tagen nach dem Openair noch einmal Security-Leute an den Eingängen stationiert werden – und dies generiert natürlich Mehrkosten. Am Openair St.Gallen wird das meiste Equipment hingegen schon in der Nacht abgeräumt, dieses Problem stellt sich dort nicht.

Die Abfallberge und der Zeltfriedhof, welche nach dem Openair zurückbleiben, sorgen aber überall für rote Köpfe. Die Versuche, dagegen vorzugehen, sind an den meisten Orten weitgehend erfolglos geblieben. Von speziellen Containern für Zelte über Anreizsysteme bis hin zu Kooperationen mit gemeinnützeigen Organisationen, genützt hat nichts.

Billigzelte sollen schuld sein

Für Philipp Cornu, den Veranstalter des Gurtenfestivals, sind die günstigen Openair-Zelte, welche heute vielerorts angeboten werden, hauptverantwortlich für die Wegwerf-Mentalität der Leute. Da immer mehr Festivalbesucher nicht mehr mit der teuren Campingausrüstung ans Openair kommen, sondern in einem Billigzelt übernachten, sei das Zurücklassen der Zelte für die Besucher heute eher verschmerzbar als früher, vermutet er. Insbesondere bei nassem und kalten Wetter zähle der Gedanke, am Sonntagabend möglichst schnell nach Hause zu kommen, mehr als das Geld, das auf diese Weise in den Sand gesetzt wird.

Grosse Profiteure des Wegwerf-Trends sind die Vertreiber der Billigzelte. Bei SportXX kostet das günstigste Openair-Zelt 39.90 Franken – und findet reissenden Absatz. Schon vor dem Openair St.Gallen seien die Verkaufszahlen stark angestiegen und vor dem Openair Frauenfeld hätten sie sich gar verdoppelt, heisst es bei der Migros auf Anfrage. Es seien klar mehr günstige Zelte über die Verkaufsfläche gegangen als im Vorjahr.

Die Openair-Veranstalter müssen sich deshalb wohl mit dem Bild des Zeltfriedhofs abfinden. «Solange die Zelte so billig sind, wird das so bleiben», glaubt auch Sabine Bianchi vom Openair St.Gallen. Einzig ein Pavillon-Verbot könnte ihr zufolge unter Umständen Abhilfe schaffen. Eine solche Restriktion ziehen die Organisatoren aber nicht in Betracht – dies passe nicht zum Openair St.Gallen.

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