Neue Konkurrenz: Schnappt Google der SBB den Ticketverkauf weg?
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Neue KonkurrenzSchnappt Google der SBB den Ticketverkauf weg?

Geht es nach dem Bundesrat, dürfen Google und Facebook bald Schweizer ÖV-Tickets verkaufen. Die SBB erwartet bis 2025 neue Rivalen.

von
S. Spaeth
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Könnte man Billette direkt bei Google oder Facebook bestellen, bräuchte man keine eigene SBB-App mehr dafür.

Könnte man Billette direkt bei Google oder Facebook bestellen, bräuchte man keine eigene SBB-App mehr dafür.

Keystone/Christian Beutler
Geht es nach dem Bundesrat, findet im öffentlichen Verkehr per 1. Januar 2020 eine Marktöffnung statt. Will heissen: jeder kann Tickets verkaufen, nicht nur konzessionierte Verkehrsbetriebe.

Geht es nach dem Bundesrat, findet im öffentlichen Verkehr per 1. Januar 2020 eine Marktöffnung statt. Will heissen: jeder kann Tickets verkaufen, nicht nur konzessionierte Verkehrsbetriebe.

Keystone/Gaetan Bally
Die neuen Ticketverkäufer sollen den ÖV-Unternehmen den regulären Ticketpreis zahlen. Sie haben aber die Möglichkeit, den Tarif ihren Kunden gegenüber selbst zu bestimmen.

Die neuen Ticketverkäufer sollen den ÖV-Unternehmen den regulären Ticketpreis zahlen. Sie haben aber die Möglichkeit, den Tarif ihren Kunden gegenüber selbst zu bestimmen.

Keystone/Gaetan Bally

Noch ist es Zukunftsmusik: Wir tippen ins Google-Suchfeld «Zugreise Zürich–Locarno» ein und die Suchmaschine zeigt uns in Sekundenschnelle den Preis und die Reisedauer an. Drückt man dann auf den Kaufen-Button, kommt das Ticket per Mail. Die SBB-Ticketapp brauchts für den Kauf nicht, den Bahnschalter schon gar nicht. Ausgehebelt wird der offizielle SBB-Ticketkanal auch, wenn die Fahrkarte künftig direkt über Google Maps gekauft wird.

Geht es nach dem Bundesrat, findet im öffentlichen Verkehr per 1. Januar 2020 eine Marktöffnung statt. Will heissen: Jeder kann Tickets verkaufen, nicht nur konzessionierte Verkehrsbetriebe. «Der virtuelle SBB-Fahrkartenschalter mit seiner enormen Reichweite in der Schweiz könnte für Google, Facebook oder andere internationale Plattformen ein attraktives Angriffsziel sein», heisst es im am Donnerstag veröffentlichten E-Commerce-Report Schweiz der Fachhochschule Nordwestschweiz.

Google und Co. bezahlen regulären Preis

«Wenn Google bei den ÖV-Verbindungen die besten Resultate findet, werden viele Menschen diesen Dienst nutzen», sagt Studienautor Ralf Wölfle zu 20 Minuten. Denkbar ist laut dem E-Commerce-Experten auch, dass Google etwa bei einer Suche nach einem Ort oder Restaurant gleich die Reisemöglichkeiten dorthin vorschlägt. «Womöglich spannt Google hier mit Partnern zusammen», so Wölfle. Dies geschieht bereits bei Hotelbuchungen. Fürs Abwickeln einer Buchung bleibt man zwar im Google-Umfeld, im Hintergrund läuft der Auftrag aber übers System von Reiseveranstaltern, darunter das Hotelplan-Start-up Bedfinder.

Noch ist die Liberalisierung nicht ganz in trockenen Tüchern. Derzeit wertet das Bundesamt für Verkehr (BAV) die Stellungnahmen aus der Vernehmlassung aus, wie ein Sprecher zu 20 Minuten sagt. Dann kommt die Gesetzesänderung ins Parlament. Der Bundesrat sieht vor, dass die neuen Ticketverkäufer den ÖV-Unternehmen den regulären Ticketpreis zahlen. Sie haben aber die Möglichkeit, den Tarif ihren Kunden gegenüber selbst zu bestimmen. «Damit können sie kombiniert mit anderen Dienstleistungen attraktive Angebote schnüren», schreibt das BAV.

Eigener Vertrieb lohnt sich nicht

Bei den SBB rechnet man mit neuer Konkurrenz: «Ich denke, dass bis 2025 mindestens eine globale Plattform ÖV-Ticketing in ihrer App anbietet, etwa als Ergänzung zu ihrem Kartendienst», zitiert die Studie Markus Basler, Leiter Digitalisierung bei der SBB.

«Eine bedingungslose Öffnung des Vertriebs durch Dritte lehnt der öffentliche Verkehr ab», sagt Sabine Krähenbühl, Sprecherin der Tariforganisation Ch-Direkt, zu 20 Minuten. Der Branche müsse erlaubt sein, die Bedingungen dafür festlegen zu können. So müssten sämtliche Mobilitätsanbieter ihre Vertriebssysteme öffnen. Wichtig sei zudem, dass auch Drittanbieter konsequenten Datenschutz bieten könnten.

Provisionen fallen weg

Das BAV sieht Risiken bei einer Öffnung: In einem Bericht von 2017 heisst es, die Eigenwirtschaftlichkeit der etablierten Transportunternehmen könnte sinken, «so dass der Bund diese unter Umständen finanziell stärker unterstützen muss.» Dies, weil die Vertriebsprovisionen wegfallen.

«Ohne Vertriebsmarge lohnt sich ein eigener Vertrieb für etliche der 240 Verkehrsbetriebe nicht mehr. Da würde es wohl zu einer Konsolidierung kommen», zitiert die Studie SBB-Digital-Mann Basler. Die Wahrscheinlichkeit, dass ein Anbieter wie Google in den ÖV-Ticketmarkt einsteigt, ist laut Wölfle hoch. «Beim Ticketing erfährt man viel über einen Kunden und kann ihm passende Werbeangebote zeigen – davon leben diese Plattformen», sagt der Experte.

E-Commerce steigt um 10 Prozent auf 9,75 Milliarden

Laut dem jüngsten E-Commerce Report Schweiz haben Schweizer Kunden 2018 für 9,5 Milliarden Franken im Netz eingekauft und sich nach Hause liefern lassen. Auf weitere 250 Millionen Franken wird der Wert der Onlinebestellungen geschätzt, die sich Schweizer an grenznahe Abholstationen haben liefern lassen. Die total 9,75 Milliarden Franken bedeuten eine Steigerung des Umsatzes um 10 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. In den 9,75 Milliarden sind Bestellungen in Höhe von 2.15 Milliarden bei ausländischen Anbietern enthalten.

23 Millionen Päckli aus Asien

Der Boom des Onlinehandels hat auch zu einer Päckli-Flut geführt. 33 Millionen Kleinwarensendungen gelangten 2018 in die Schweiz, zumeist Zoll- und Mehrwertsteuer-befreit, wie es im E-Commerce Report Schweiz heisst. 23 Millionen oder gut 70 Prozent dieser Päckli stammen aus Asien, knapp viermal so viel wie vor drei Jahren.

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