27.07.2015 20:03

Oberflächliche GesellschaftSchnurris gewinnen, stille Chrampfer verlieren

In der Zeit von Social Media wird das Auftreten zunehmend wichtiger: Introvertierte Personen drohen im Job und im Privatleben unterzugehen.

von
B. Zanni
Ex-Bachelor Vujo Gavric legte dank seines losen Mundwerks eine Blitzkarriere hin.

Ex-Bachelor Vujo Gavric legte dank seines losen Mundwerks eine Blitzkarriere hin.

Nobodys inszenieren sich in den sozialen Medien wie kleine Superstars. Politiker poltern immer lauter, ihre Kampagnen werden zunehmend schriller. Und Selbstdarsteller wie Ex-Bachelor Vujo Gavric legen dank ihres losen Mundwerks eine Blitzkarriere hin und verdienen viel Geld. Laut und auffällig zu sein, gehört heute fast zum guten Ton. «Der Idealmensch unserer Zeit ist gesellig, risikofreudig, ein Alphatier», schreibt Spiegel.de. Doch genau das sei das Problem: Wenn der Alltag von den Lauten bestimmt werde, drohten die Introvertierten unterzugehen. Und diese machen laut Studien fast einen Drittel der Gesellschaft aus.

Diese Gefahr sieht auch Psychologin Brigitte Egli: «Die heutige Gesellschaft ist stark auf Selbstdarstellung ausgerichtet», sagt sie. Dies zeige sich etwa bei der Stellensuche. «Die Kandidaten haben nur Erfolg, wenn sie sich gut verkaufen können.» Esther Arnold, systemische Coachin und Beraterin, fällt auf: «Früher ging es um die Sache, heute zählt vermehrt die Verpackung.»

Auch im beruflichen Alltag werden deshalb Leisetreter heute oft verkannt. Sie würden als passiv wahrgenommen, wenn sie sich zum Beispiel in einer Teamsitzung nicht zu Wort meldeten. «Dabei sind sie scharfe Beobachter und Analysten.» Christine Hefti, Fachpsychologin für Psychotherapie, berät oft introvertierte Menschen, die Opfer von Mobbing wurden. «Die Kollegen halten sie für seltsam, weil sie stiller sind als andere», erklärt Hefti. Insbesondere der Smalltalk bereite ihnen Mühe. «Wenn es um ein lockeres Gespräch geht, sind Betroffene oft befangen und wissen nicht, was sagen.»

Clownnase hilft

Das Problem nimmt laut Brigitte Egli auch deshalb zu, weil das Vereinsleben und die Dorfgemeinschaft an Wichtigkeit eingebüsst hätten. «Früher konnte man im vertrauten Umfeld im Dorf Kontakte knüpfen, heute muss man beim professionalisierten Networken auf wildfremde Leute zugehen können», sagt Egli weiter. Esther Arnold hilft ihren Klienten manchmal mit Tricks auf die Sprünge. «Ein Mann stellt sich sein Gegenüber regelmässig mit einer roten Clownnase vor. Das löst bei ihm zuerst inneres Schmunzeln aus und zaubert ihm danach ein sympathisches Lächeln ins Gesicht», erzählt sie lachend.

Bei der Partnersuche machen introvertierte Menschen ebenfalls kaum den ersten Schritt. Sie können deshalb Schwierigkeiten haben, eine Freundin oder einen Freund zu finden. Gerade die sozialen Medien können laut Hefti aber auch eine Chance für introvertierte Singles sein: «So können sie sich vorher genau überlegen, was sie schreiben möchten, und sind weniger nervös.» Die Psychologin ist aber auch überzeugt, dass sich Gegensätze anziehen. «Für Extrovertierte kann es spannend sein, Introvertierte rumzukriegen.»

Sind Sie introvertiert und werden deshalb ständig unterschätzt und diskriminiert? Dann schreiben Sie uns an feedback@20minuten.ch

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