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ReportageSchön in 6 Tagen

Viel Wasser trinken, Früchte essen, Sport treiben: Wie ist es eigentlich, den Regeln der Frauenzeitschriften zu folgen? Unsere Autorin Roberta Fischli führte sechs Tage lang das perfekte Leben.

Immer tapfer lächeln!

Immer tapfer lächeln!

Tag 1

Jetzt weiss ich wieder, weshalb ich Sport immer gehasst habe. Rennen ist was für Leute, die sich Ziele setzen können. Ich bin schon ausser Atem, bevor ich beim Park ankomme. Und könnte erbrechen vor Erschöpfung. Sowieso ist mein Leben seit fünf Uhr morgens nicht mehr das, was es einmal war. Übermotiviert drei Stunden zu früh aufgewacht, schwindet das Hoch innert Kürze. Zum Frühstück gibts Bio-Smoothies. Nach einem stündigen Spaziergang am Vormittag knabbere ich an einer Salat-Vollkornbrot-Kombination, das Rezept habe ich aus der «Marie-Claire» rausgerissen, und dann beginnt es zu regnen. Mein Freund Tom schnappt sich beim Einkaufen M&M's zum Sonderpreis. Ich kaufe einen Kanister Wasser. Abends schmerzen meine Beine vom Joggen. Ich esse drei Teller Salat, sehne mich nach den M&M's und bin frustriert.

Tag 2

Eigentlich sollte ich wieder auf der Rennbahn sein. Aber ich kann meine Beine nur dazu motivieren, mich für Cornflakes mit Magermilch und Erdbeeren in die Küche zu schleppen. Mein Knie knackt ziemlich übel. Ich mache eine heimliche Notiz, Gelenkstärker zu kaufen. Habe ich schon meinen Wasserbauch erwähnt? Weil diese Saison nichts ohne schöne Füsse geht, vereinbare ich einen Termin im Schönheitssalon. Dank meinem Wasser­kanister muss ich alle zehn Minuten mit Watte zwischen den Zehen aufs Klo watscheln. Die Dame schrubbt ein halbes Kilo Hornhaut von meiner Ferse und ich kriege Keys to my Karma, ein knalliges Rot von OPI, auf die Nägel. Später macht es mir fast gar nichts aus, meinen Freundinnen im Café beim Bestellen von Brownies zuzuschauen und nach Tomatensaft zu fragen. Doch abends könnte ich heulen. Ich fühle mich überhaupt nicht gut. Liegt wohl daran, dass ich zu wenig esse.

Tag 3

Schwimmen gefällt mir, weil ich nicht schwitze. Ich lege 40 Längen in 40 Minuten zurück, was 1,320 Kilometern entspricht. Mein knacksender Hüftschwung macht das ganze Hallenbad verrückt. Tagsüber esse ich drei Äpfel, zwei Nektarinen und ein Low-Fat-Nature-Jogurt. Runtergespült mit zwei Litern Wasser. Langsam liquidiere ich mich selbst, ich kann es fühlen. Der Bauch ist nicht mehr gebläht, wenigstens das. Doch meine Beine stöhnen immer noch vom Joggen. Treppen haben jetzt Schwierigkeitsgrad 3, ich mag kaum zur Arbeit laufen. Dort angekommen, wandern meine Gedanken immer wieder zum Kartoffelsalat, den jemand im Kühlschrank deponiert hat. Mein Chef erkundigt sich zweimal, ob alles in Ordnung sei bei mir, ich wirke so grimmig. Beim zweiten Mal prasselt ein Frust-Regen auf ihn nieder. Ich sehe ihn den ganzen Tag nicht mehr.

Tag 4

Der Morgen ohne Kaffee bringt mich fast um. Mein Soja-Milch-Haferbrei schmeckt so widerlich, dass ich ihn die Toilette runterspüle. Dann starte ich einen neuen Anlauf. Soja, ich mach dich fertig!, sag ich mir und fülle eine neue Schale. Den Tag überlebe ich dank neu gewonnener Stärke und Reissalat mit Tomaten. An der abendlichen Geburtstagsparty will ich meinen Monster-Body ausführen. Drei Typen heften sich sofort an meine polierten Fersen. Zu spät, ich habe mein Herz schon verloren: Komm zu Mama!, sag ich und schnapp mir ein Küchlein. Der Kick bleibt weg. Ich schaue das Teil an; nichts geschieht. Nach drei Tagen konstantem Verlangen ist das Schokoladen-Gen tot. Was für ein Frust! Ich fühle mich wie ein Ex-Junkie. Zu allem Übel betrinken sich meine Freunde mit Erdbeer-Margaritas und besitzen die Frechheit, ganze Krüge vor meinen Augen runterzuleeren. Für mich gibts Apfelsaft und mitleidige Blicke.

Tag 5

Das Einzige, was schlimmer ist als ein schlechter Haarschnitt, ist keiner. Ich will Gisele Bündchens Frisur. Giseles Undone-Look sei der am meisten gewünschte dieses Jahr, informiert mich der Coiffeur. Eine Kopfmassage und 60 Minuten später blickt mir eine Gisele mit schön zerzausten Haaren aus dem Spiegel entgegen. Ich strahle und werfe mir kokett ein paar Sonnenblumenkerne in den Mund. Nach einem Sushi-Lunch toppe ich auf dem Heimweg meine Bräune auf. Die Sonnendusche soll mir die perfekte Sommerfarbe aufsprayen. Ich werde golden, denke ich, als ich mir die Badekappe auf- und mich dem Sprühregen aussetze und brav mit den Armen wedle. Abends lenkt mein Mitbewohner das Gesprächsthema auf Gelbsucht.

Tag 6

Ich lebe unvernünftig gesund, schlucke täglich Vitamine und Gelenkstärker. Ich werfe sämtlichen Ballast ab, trinke ganze Seen und esse sogar meine Frühstücksflocken mit Soja-Milch. Desserts gibts nicht mehr, Süssigkeiten sind Gewohnheiten und somit abzulegen. Schwimmen sollte ich ab jetzt immer. Aber irgendwie ist Gisele zu alt, Heidi zu hysterisch und wie Kate Moss wollte ich eh noch nie sein. War eine gute Woche!, sag ich mir, schmeisse die Illustrierten in den Müll und greife mir die Gabel.

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