Aktualisiert 03.05.2006 19:20

Schön kaputt

Gammelschuhe und Wolljacke: Die Grunge-Mode der Neunzigerjahre ist wieder da.

Grosskarierte Holzfällerhemden, ausgebeulte Strickjacken, zerrissene Jeans, Manchesterhosen, Docs, Chucks, Konzertshirts. Na, dämmerts?

Richtig, der nachlässige Dresscode der guten alten Neunzigerjahre, der Zeit des Grunge. Erinnern wir uns mal genauer: Gewollte Unordnung mit einem Schuss Hässlichkeit, das war das Credo des Grunge-Looks. Gab es neue Docs, mussten diese erst mal ordentlich an Hauswänden zerschreddert werden, bevor der Schuh mit Tipp-Ex perfektioniert wurde. Mit Schleifpapier und Bimssteinen machte man sich an der hellblauen Levi's zu schaffen. Wer etwas krasser drauf war, riss danach noch ein paar Löcher rein. Die Haare der Jungs wuchsen zu einer langen, fettigen Masse. Und die Mädchen? Die nervten sämtliche Coiffeure mit «So wie Winona Ryder in ‹Reality Bites›, bitte!» (Will heissen: mit ein paar schiefen Ecken und Kanten.) Sie verliebten sich wie Winona im Film in Ethan Hawke, aber Kurt Cobain war auch ziemlich herzig. Womit wir bei Nirvana wären. 1991 katapultierte die Band mit dem Album «Nevermind» den wütenden Grunge auf die Titelseiten der Musikmagazine. «Seattle ist für die Rockszene, was Bethlehem für das Christentum ist», schrieb ein «Spin»-Journalist euphorisch.

2006, knapp fünfzehn Jahre später: Nachdem kürzlich die Grunge-Urgesteine Mudhoney und Pearl Jam neue Alben herausgebracht haben und die letzten Stunden von Kurt Cobain in «Last Days» verfilmt wurden, droht uns nun auch in der Mode eine neue Welle des Grunge zu erreichen. Bereits in seiner letzten Herbst/Winter-Kollektion führte Dior einen durchlöcherten schwarz-weissen Ringelpulli im Angebot, ähnlich dem kaputten Modell, das Kurt Cobain im Video zu «Smells Like Teen Spirit» trug – sämtliche Modemagazine rissen sich darum. Die neue Kollektion des Designers Marc Jacobs, der 1992 seine Models erstmals in zerrissene und düstere Grunge-Kleider steckte, weist ebenfalls auf ein Comeback des Grunge hin: In seiner Herbstkollektion 2006 lässt der Kultdesigner seine Models wieder im Gammellook über den Catwalk staksen.

Schlechte Nachrichten für all jene, welche die Grunge-Mode totgeschrieben und die Kleider der letzten Dekade weggeschmissen haben: Die Neunziger kommen mit Sicherheit wieder. Gute Nachrichten für all jene, die sich nicht von den Klamotten von damals trennen mochten: Praktisch, dass dank diesem schnellen Comeback die Klamotten noch in Griffnähe sind. Einmal kurz in den Schrank gekrochen, und schon gewinnen wir sie wieder lieb, unsere alten Wollpullis und Schmuddeljeans. Und dann werden wir die alten hässlichen Teile mit netten neuen Trends kombinieren. Das wird toll – smells like a prima Herbst.

Christina Duss

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