Aktualisiert 29.06.2005 19:51

Schön und bleich

Ein gebräunter Teint gilt noch
immer als attraktivster Beweis für erfolgreiche Ferien. Doch die noble Blässe feiert ein Comeback.

Scarlett O'Hara hatte es anfänglich gut. Die verwöhnte Schöne aus dem Südstaaten-Drama «Vom Winde verweht» musste sich nicht stundenlangem Schweisstreiben in der Sonne aussetzen, um ihrem Verehrer Rhett Butler zu gefallen.

Vielmehr durfte sich die Southern Belle in den Schatten eines Magnolienbaums zurückziehen, gekühlten Tee schlürfen und auf nichts anderes Acht geben, als darauf, dass ihre Blässe konserviert blieb.

Bis ins 20. Jahrhundert galt Bräune als pöbelhaft und ordinär. Wer einen dunklen Teint hatte, gehörte zur Arbeiterschaft – en vogue war dagegen die noble Blässe, das Synonym für das süsse Nichtstun.

Ganz anders heute. In der postmaterialistischen Gesellschaft gilt Bräune als attraktiv, als untrüglicher Gradmesser für erfolgreiche Ferien. Ein gebräunter Körper verheisst schönes Wetter, süsse Drinks, vielleicht sogar einen Urlaubsflirt. Und dies, obwohl heutzutage bereits jedes Kind von Basalzellkarzinomen und Melanomen gehört hat.

Allmählich häufen sich allerdings die Anzeichen dafür, dass der bleiche Look künftig wieder zum Trend werden könnte. Die Solarium-Branche etwa sieht harten Zeiten entgegen. «In letzter Zeit mussten in der Schweiz reihenweise Selbstbräunungsstudios schliessen», sagt Christian Senn, Präsident von Photomed Schweiz, dem Verband der Solariumbetreiber. «Es war ein Überangebot vorhanden.»

Dass das Gesundheitsbewusstsein in den letzten Jahren «enorm gestiegen» sei, wird auch andernorts konstatiert.

Laut Dermatologen ist der Trend zum höheren Lichtschutzfaktor eindeutig. «Die jährlich diagnostizierten Melanom-Neuerkrankungen nehmen noch immer zu», warnt zwar Dr. med. Félix Gueissaz, Präsident der Schweizerischen Gesellschaft für Dermatologie und Venerologie. Doch scheint damit auch ein Sensibilisierungsprozess – und ein Trend zum blasseren Teint, einher zu gehen.

Dass der durchaus seinen Reiz haben kann, beweist nämlich nicht nur Scarlett O'Hara. Am eindrücklichsten demonstrierten die New Waver in den Achtzigerjahren die Attraktivität der Blässe. The Cure mit Sonnenbrand? Undenkbar! Kommt hinzu, dass die Lederhaut von prominenten Sonnenanbetern wie Dieter Bohlen ihre abschreckende Wirkung erst heute voll und ganz entfaltet. Was unter Experten als geflügeltes Wort gilt, lässt sich an seinem Gesicht besonders schön ablesen: Spätestens ab 30 büsst die Haut für jeden Sonnenstrahl.

Auch wenn sich das Schönheitsideal trotzdem noch ein paar Jährchen halten dürfte: Wenn heisse Temperaturen zum Alltag gehören, wird es schwinden. So wundert man sich im heissen Kenia heute schon, warum sich Touristen freiwillig der brennenden Sonne aussetzen. Und Studien gehen bis zum Ende dieses Jahrhunderts von einer mittleren Erderwärmung von bis zu 5,8 Grad Celsius aus.

Spätestens dann, wenn sich nur noch Superreiche die Reise ins kühle Island leisten können, während Normalbürger in der Heimat brutzeln, winkt dem edlen Bleich-Look garantiert ein Comeback.

Claudia Schlup

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