Wirtschaftsreform: Schöne neue Unternehmerwelt in Kuba
Aktualisiert

WirtschaftsreformSchöne neue Unternehmerwelt in Kuba

Der kubanische Präsident hat vor rund einem halben Jahr 178 ausgewählten Berufen die Selbstständigkeit erlaubt. Einige der neuen Unternehmer haben das Handtuch bereits wieder geworfen.

von
Paul Haven
AP
Am Abend schlafe er bereits, bevor sein Kopf das Kissen berührt, resümiert Hidalgo die ersten Monate seines Unternehmertums.

Am Abend schlafe er bereits, bevor sein Kopf das Kissen berührt, resümiert Hidalgo die ersten Monate seines Unternehmertums.

Als Julio César Hidalgo sich seinen Traum erfüllt und eine Pizzeria eröffnet, merkt das erst einmal niemand. Werbung in der Zeitung gibt es nicht, Handzettel sind zu teuer und im Grunde macht er auch nichts anderes, als sein Küchenfenster zur Strasse hin zu öffnen. Zumindest ein selbst geschriebenes Preisschild im Fenster zeigt, dass hier etwas verkauft wird.

Hidalgo und seine Freundin Giselle de la Noval sind zwei jener Kubaner, die mit ihrem neuen Recht auf selbstständige Arbeit ihr Glück versuchen. Vor rund einem halben Jahr hat Präsident Raúl Castro 178 ausgewählte selbstständige Berufe erlaubt und damit eine der grössten wirtschaftlichen Veränderungen in dem streng kontrollierten kommunistischen Land möglich gemacht. Auch wenn die meisten dieser Berufe genau so gewählt sind, dass sie keine Gefahr für das Regime darstellen.

Steuern vervierfacht

Bis zum 8. März haben Unternehmer nach Angaben der Staatspresse bereits 171 000 Gewerbelizenzen beantragt, 250 000 war das Ziel für das gesamte Jahr 2011. Doch einige haben nach einem halben Jahr bereits wieder das Handtuch geworfen. So wie der 21-jährige Danilo Pérez, der gebrannte DVDs verkaufte. Anfangs hätten die Behörden für seinen Stand 2,50 Dollar Steuern pro Monat verlangt, im März seien es dann 10,50 Dollar gewesen, sagt er. Ein Vermögen in einem Land, in dem das Durchschnittseinkommen bei 20 Dollar pro Monat liegt.

Viele andere sind zufrieden. So wie Julio César Hidalgo, der nach den Anfangsschwierigkeiten mittlerweile rund 20 Pizzen pro Tag verkauft. Wenn er nicht in der Küche steht und sie bäckt, schafft er auf seinem Fahrrad grosse Mehlsäcke und Dosen mit Tomatensosse heran. Am Abend schlafe er bereits, bevor sein Kopf das Kissen berührt, resümiert Hidalgo die ersten Monate seines Unternehmertums.

Bisher keine staatliche Kontrolle

Yusdani Simpson, eine alleinerziehende Mutter, verkauft - seit es das neue Gesetz gibt - von ihrem Vorgarten aus Kaffee und Brötchen. «Das wird mich nicht reich machen», sagt sie, «aber ich verdiene genug, um über die Runden zu kommen.» Zuvor war die junge Frau auf Geldsendungen von Verwandten aus dem Ausland angewiesen gewesen.

Seine Abrechnung sei bisher nicht kontrolliert worden, sagt Pizzeria-Besitzer Hidalgo, anders als in den 1990er Jahren, als er gemeinsam mit seinem Cousin bereits eine Pizzeria eröffnet hatte. Inspektoren seien damals jede Woche gekommen und hätten das Restaurant in den Ruin getrieben, als sie erfuhren, dass er die Zutaten auf dem Schwarzmarkt einkaufte.

Diebstahl am Arbeitsplatz

Damals waren in einer ersten wirtschaftlichen Öffnung bereits Restaurants bis zu einer gewissen Platzzahl erlaubt worden, genauso wie das Vermieten von Zimmern an Ausländer.

Angesichts der niedrigen Löhne glauben viele Wirtschaftswissenschaftler, dass die Kubaner nicht genügend Geld haben, um die neuen Unternehmen auch zu finanzieren. Doch viele auf der Insel bekommen Geld aus dem Ausland, machen Gelegenheitsjobs oder stehlen Dinge von ihrem staatlichen Arbeitsplatz. «Wenn wir nur die Gehälter hätten, würden wir in Lendenschurzen auf der Strasse leben», sagt Hidalgo.

Ihr neues Unternehmertum habe jedenfalls ihre Sicht auf ihr eigenes Land verändert, sagen Hidalgo und seine Freundin de la Noval. Vor einem Jahr wollten sie noch auswandern, de la Noval habe sogar eine Heirat mit einem Exilkubaner in den USA erwogen, um das Land verlassen zu können. «Wir sind ein Risiko eingegangen, wir haben an das Land und an die Veränderungen, die sie machen, geglaubt», sagt sie. «Wir hoffen, dass Dinge weiterhin besser werden.»

Deine Meinung