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Rio de JaneiroSchönes Olympia – ohne störende Strassenkinder

Bis zum Start der Olympischen Sommerspiele muss in Rio de Janeiro alles perfekt aussehen. Deshalb sind die Strassenkinder den Behörden ein Dorn im Auge.

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Bis zu den Olympischen Spielen in Rio de Janeiro im August 2016 muss alles in Ordnung sein - Strassenkinder gehören nach Ansicht der Behörden nicht ins Bild. Die Polizei nimmt Problemkinder scharenweise fest.

Bis zu den Olympischen Spielen in Rio de Janeiro im August 2016 muss alles in Ordnung sein - Strassenkinder gehören nach Ansicht der Behörden nicht ins Bild. Die Polizei nimmt Problemkinder scharenweise fest.

/Brazil Photos
Strassenkinder sind für die Behörden eines der grössten Probleme: In Brasilien leben schätzungsweise elf Millionen Menschen in den Favelas, den Armenvierteln der Grossstädte. Oft haben es ihre Bewohner mit schwierigen Lebenssituationen zu tun. Armut, Alkohol, Drogen und Missbrauch gehören zum Alltag.

Strassenkinder sind für die Behörden eines der grössten Probleme: In Brasilien leben schätzungsweise elf Millionen Menschen in den Favelas, den Armenvierteln der Grossstädte. Oft haben es ihre Bewohner mit schwierigen Lebenssituationen zu tun. Armut, Alkohol, Drogen und Missbrauch gehören zum Alltag.

Caritas Schweiz, Luca Zanetti
Die Kinder flüchten dann oft von zu Hause. Viele wohnen lieber auf der Strasse als unter den schwierigen Umständen.

Die Kinder flüchten dann oft von zu Hause. Viele wohnen lieber auf der Strasse als unter den schwierigen Umständen.

Caritas Schweiz, Luca Zanetti

Gut vier Monate vor Beginn der Olympischen Sommerspiele in Rio de Janeiro findet in Brasilien eine neue Säuberungsaktion statt: Strassenkinder werden scharenweise von der Polizei festgenommen. Den Behörden zufolge sind die Minderjährigen Mitglieder von kriminellen Gangs, die Touristen auf den Strassen und an den Stränden ausrauben.

Dahinter stecke ein Plan der brasilianischen Regierung, zusammen mit der Armee und der Polizei die touristischen Gegenden frei von Armen und Problemkindern zu halten, sagt Daniel Medeiros von der Hilfsorganisation Happy Child International zu «Newsweek». «Alles soll schön aussehen und unsere Gäste sollen den Eindruck haben, dass sie sicher sind und wir alle glücklich. Aber das ist eine grosse Lüge», meint der Hilfsarbeiter.

Ähnliche Kampagne vor Fussball-WM

Laut einem UN-Bericht vom Oktober 2015 werden die mutmasslichen jungen Straftäter in Auffanghäusern untergebracht — ohne Grund und vor allem ohne rechtlichen Schutz. Rechtsexperten sind der Ansicht, die Minderjährigen würden wie Kriminelle behandelt, ohne dass ihnen nachgewiesen worden wäre, dass sie eine Straftat begangen haben. Der wahre Grund hinter der Aktion: Die Strassenkinder sollen vor dem internationalen Sportevent aus der Innenstadt und aus den schmucken Quartieren Rios verschwinden.

Das Problem der verwahrlosten Kinder und Jugendlichen ist nicht neu: Bereits vor der Fussball-WM im Jahr 2014 hatte eine ähnliche Reinigungskampagne stattgefunden. In diesen vergangenen zwei Jahren hat sich allerdings nichts an der Problematik oder an den Ursachen geändert. Im Gegenteil: Der Einbruch der Wirtschaftsleistung um 3,8 Prozent im vergangenen Jahr führte das südamerikanische Land in die Rezession und brachte noch mehr Armut. Viele Sozialpläne für Menschen aus den Armenvierteln wurden gekürzt.

«Strassenkinder sind Objekte»

«Strassenkinder werden als Objekte behandelt, die man hin- und herschieben kann, weil man sie nicht als Kinder mit Rechten betrachtet», sagt Vinicius Miguel von der Organisation Defense for Children International zu «Newsweek».

Christoph Gaffney von der Universität Zürich lebte sechs Jahre in Brasilien und analysiert die Organisation von Massen-Events: «Image ist alles für die Regierung, also wird sie das Problem unter den Teppich kehren.» Die Polizei werde ihren Beitrag leisten, und «Kinder aus den Touristen-Zonen verlagern».

«Sie brauchen eine Familie, kein Auffanghaus»

Laut Fabiana Gorenstein, einer wissenschaftlichen Mitarbeiterin bei Unicef, sind im Jahr 2013 mehrere Fälle von ermordeten Strassenkindern bekannt geworden. «Wir wissen von mehreren vermissten Kindern», bestätigt auch Hilfsarbeiter Vinicius Miguel. Er wisse nicht, wer die Kinder getötet habe, «aber niemand kümmert sich darum, weil sie keine Familie und keinen Ausweis hatten».

Die Ursachen der sozialen Hintergründe der verwahrlosten Kinder zu lösen, sei nicht einfach, glaubt Hilfsarbeiter Daniel Medeiros. Er hebt auch den Unterschied zu den hellhäutigen Kindern der Reichen hervor: «Sind sie betrunken auf der Strasse, werden sie anders behandelt als die dunkelhäutigen Jugendlichen der Favelas. Diese werden sofort als Kriminelle betrachtet.»

«Als Nation sind wir total geblendet», meint Medeiros. «Das sind ja alles nur Kinder, die es verdient haben, eine Mutter und einen Vater zu haben, die sie lieben. Sie brauchen eine Familie und keine Auffanghäuser.»

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